GALERIE ZIMMERMANN

Armory Show 2018 in New York: Moderne Kunst facettenreich zelebriert

Armory Show 2018 in New York: Moderne Kunst facettenreich zelebriert

Seit ihrem Debüt im Jahr 1994 zählt die New Yorker Armory Show zu den herausragenden Ereignissen im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Zwischen dem 8. und 11. März 2018 ließen sich die Besucher bei der 24. Edition der Kunstmesse an den West-Side-Piers von den beeindruckenden Werken aus 31 Ländern inspirieren. 3D-gedruckte Skulpturen waren ebenso zu sehen wie bedeutende Arbeiten von legendären Künstlern, die in Deutschland verwurzelt sind. So gelang es Nicole Berry, das Publikum nicht nur zu begeistern. Durch das gelungene Konzept der ambitionierten Geschäftsführerin wurde das Event dem übergeordneten Ziel gerecht, kritisch-konstruktive Dialoge anzustoßen. 

Fulminanter Auftakt mit einer zeitkritischen Installation von JR 

Wer sich über den West Side Highway dem Veranstaltungsort an den Piers 92 und 94 näherte, wurde umgehend auf das Ereignis der Kunstszene aufmerksam. Denn am Eingang der 24. Armory Show wurde eine fotografische Installation positioniert, die mit ihren monumentalen Maßen verblüffte. Kunstkenner erkannten sogleich, dass das gigantische Werk aus der Feder von JR stammt. Bewusst tritt der Franzose in der Öffentlichkeit immer mit schwarzer Sonnenbrille und Hut auf, um seine Individualität nicht ins Rampenlicht zu rücken. Das Interesse des Publikums fokussiert sich dadurch umso mehr auf die tiefsinnigen Projekte, die er in aller Welt umsetzt. Bei der Armory Show 2018 regte er sowohl die Besucher der Kunstmesse als auch zufällige Passanten mit seiner Arbeit "So Close" zum Nachdenken an. 

Hierfür wählte JR ein fotografisches Zeitzeugnis, das auf Ellis Island entstand. An diesem Ort kamen zwischen 1892 und 1924 rund zwölf Millionen Einwanderer voller Hoffnung in den USA an. Das historische Szenario überlagerte er mit aktuelleren Porträts von syrischen Flüchtlingen, die im jordanischen Lager Zaatari einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Es ist typisch für den Künstler, dass er die Messegäste bei der Ankunft an den New Yorker Piers unausweichlich mit einem politischen Problem konfrontierte. Dass als Ausstellungsort für eine Arbeit, die den Zugang zu einem Land thematisiert, der Messeeingang gewählt wurde, ist ebenfalls charakteristisch für JR. 

Nachhaltig beeindruckende Ausstellungskonzepte 

Das politisierende Werk des Street Art-Künstlers war der Sektion "Plattform" zugeordnet, für die sich Jen Mergel verantwortlich zeigte. Dieses Areal der rund 76.000 Quadratmeter umfassenden Armory Show fokussiert sich seit zwei Jahren auf großformatige Präsentationen. Für die Messe 2018 wählte die renommierte Kuratorin aus Boston gezielt Arbeiten von Nachwuchskünstlern aus, an denen sich neuartige Tendenzen des kreativen Schaffens ablesen lassen. Gabriel Ritter, der das Institute of Art in Minneapolis leitet, organisierte hingegen die Sektion "Focus".

Beim übergeordneten Thema entschied er sich für den Einfluss der Technologie auf die Darstellung des physischen Körpers. Bewusst stellte der Kurator gemeinsam mit den 28 geladenen Galerien ein Potpourri zusammen, das von der Videokunst des koreanischen Pioniers Park Hyun-Ki bis zu den innovativen Werken der jungen Französin Claire Tabouret reichte. So ergab sich eine Zeitreise, die ein halbes Jahrhundert der Kunstgeschichte umfasste. Dementsprechend leicht viel es den Besuchern, die zeitgenössischen Arbeiten zum ausgewählten Motto in den historischen Kontext einzuordnen. 

Tausende Werke mit extraordinärem Charakter 

Aus dem Reigen der rund 250 Kunstmessen, die weltweit pro Jahr veranstaltet werden, sticht die Armory Show hervor und genießt einen exzellenten Ruf. Für das Event bewerben sich ausgesprochen viele Galerien und Kunstprojekte, von denen nur ein Teil tatsächlich geladen werden kann. Ein hochkarätiges Komitee pickt mit größter Sorgfalt die vielversprechendsten Interessenten heraus, die allesamt mit spannenden Konzepten und exzeptionellen Ausstellungsobjekten überzeugen. Jedes einzelne Werk, das die 198 beteiligten Galerien aus 31 Ländern zwischen dem 8. und 11 März vorstellten, hätte sich demnach eine Einzelbetrachtung verdient. 

Vertreten waren bei der Armory Show 2018 nicht nur einige deutsche Galerien, sondern auch international bekannte Künstler aus der Bundesrepublik. Die Sektion "Insights" widmete sich bei der Messe wegweisenden oder bislang übersehenen Arbeiten von Künstlern des 20. Jahrhunderts. Das Publikum begegnete unter anderem Werken von Heinz Mack, der als Pionier der sogenannten Land Art gilt und mit seinen experimentellen Lichtreliefs für neue Impulse in der Kunstszene sorgte. Zu sehen waren außerdem Objekte des Licht- und Feuerkünstlers Otto Piene und von Günther Uecker, der mit seinen Nagelbildern einst einen unkonventionellen Stil vorstellte. 

Deutsche Nachwuchstalente beim Kunst-Event in Manhattan

Wer sich bei der Armory Show 2018 vom Talent der deutschen Nachwuchskünstler überzeugen wollte, kam ebenfalls nicht zu kurz. Alberta Niemann und Jenny Kropp sind die kreativen Köpfe des Künstlerkollektivs FORT, das 2017 gegründet wurde. Den beiden jungen Frauen gelingt es vortrefflich, scheinbar vertraute Dinge oder Begebenheiten des Alltags so zu arrangieren, dass sich eine befremdliche, poetische oder humoristische Konnotation entfaltet. Wie versiert das aufstrebende Duo mit den Sehgewohnheiten des Publikums spielt, verdeutlichte das ausgestellte Werk "Little Darling" bei der New Yorker Kunstmesse. 

Gleichermaßen faszinierend ist die Arbeit "Gliedermensch #27" von Louisa Clement aus Düsseldorf, die ebenfalls als maßgeblich für die jüngsten Entwicklungen der Kunst eingestuft wurde. In Berlin lebt Nadira Husain, die das anspruchsvolle Publikum mit ihrem Beitrag "Turbo Queen" begeisterte. Wenngleich die Malerin zu den Nachwuchstalenten zählt, pflegt sie bei ihren Gemälden und Installationen bereits einen unverwechselbaren Stil. Geometrische Muster, die an bemalte Fliesen oder Teppiche erinnern, treffen auf Comic-Figuren und Frauenporträts, die sich von femininen Klischees distanzieren. 

Beflügelnde Impulse für die zeitgenössische Kunst 

Den Organisatoren ist es zweifelsohne gelungen, mit der 24. Edition der Armory Show den facettenreichen Charakter der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zu verdeutlichen. Einige der ausgestellten Arbeiten bescherten dem Publikum schlicht und ergreifend ein unvergessliches Kunsterlebnis. Andere Objekte wurden hingegen dem Ziel gerecht, bei den Experten kontroverse Debatten anzustoßen und die neugierigen Besucher zum Nachdenken einzuladen. Diese Wirkung ist im Sinne der vier Galeristen, die in den 1990er Jahren die Messe ins Leben riefen. Für die erste sogenannte "Gramercy International Art Fair" mieteten die Initiatoren mehrere Etagen eines historischen Hotels an. Aufgrund des Erfolgs zog die Veranstaltung im Jahr 1999 in ein Gebäude des 69th Regiment Armory um, wodurch sich der direkte Bezug zu einem legendären Kunstereignis ergab.

Am identischen Ort lockte 1913 die "International Exhibition of Modern Art" die Besucher an, die auch als "Armory Show" bezeichnet wurde. Zu den rund 1.250 Ausstellungsobjekten gehörten beinahe 400 Gemälde und mehr als zwanzig Skulpturen aus Europa. Deren Stil wurde als radikal empfunden und in der Öffentlichkeit heiß diskutiert. Dass einige Werke die Kunstexperten ebenso schockierten wie das Publikum, war durchaus erwünscht. Die Veranstalter wünschten sich Denkanstöße für die Kunstszene in den USA, die aus ihrer Sicht zu sehr an herkömmlichen Wertmaßstäben festhielt. Rückblickend betrachtet gelang diese Mission, da im Anschluss viele ambitionierte Galerien gegründet wurden und zahlreiche US-Künstler einen markanten Stil herausarbeiteten. Nicht ohne Grund spielt die heutige Kunstmesse an den Piers 92 und 94 auf das historische Event an. Noch immer ist es das erklärte Ziel, dem Nachwuchs eine Plattform zu bieten und dafür zu sorgen, dass sich die zeitgenössische Kunst weiterentwickelt.


Ausstellungen 2018: Tipps für Freunde zeitgenössischer Kunst

Ausstellungen 2018: Tipps für Freunde zeitgenössischer Kunst

Das Ausstellungsjahr 2018 ist erst wenige Tage alt, wartet aber schon jetzt mit einer Vielzahl an Highlights auf, bei denen Sie als Freund zeitgenössischer Kunst auf ihre Kosten kommen. Ob Pop Art von Peter Saul und James Francis Gill, Installationen von Ilya und Emilia Kabakov oder ein Querschnitt des Schaffens von Otmar Alt - einige Termine sollten Sie sich nicht entgehen lassen und schon jetzt im Kalender vormerken. Wir präsentieren Ihnen hier einige der Höhepunkte dieses Jahres, beginnend mit Ausstellungen, die Sie schon jetzt besuchen können.

Noch bis 28. Januar: Peter Saul in der Sammlung Falckenberg (Deichtorhallen)


Peter Saul gilt in der Kunstszene als Querdenker und das nicht nur, weil er mit seinen Kunstwerken auf politische und soziale Missstände aufmerksam machen will. Der 83-jährige Kalifornier mit Wohnsitz in New York ist bekannt für seine einst als "badpaintings" ("schlechte Bilder") bezeichneten Werke, die sich stilistisch nur schwer einordnen lassen. Mit intensiven, teilweise grellen Farben erzählt jedes Bild eine Geschichte. Am ehesten lassen sie sich als bunte Mischung aus abstraktem Expressionismus, Surrealismus und Pop Art beschreiben. In der Sammlung Falckenberg in Harburg präsentieren die Hamburger Deichtorhallen seit Ende September 2017 rund 60 Arbeiten des heute 83-jährigen Kaliforniers.


Noch bis 11. Februar: "Janosch: Ammersee bis Panama" im Bauernhofmuseum Jexhof


Die Tigerente ist seine bekannteste Figur, doch Janosch, der mit bürgerlichem Namen Horst Eckert (geboren 1931) heißt, hat darüber hinaus auch viele Zeichnungen, Radierungen, Aquarelle und Ölbilder geschaffen. Sie sind genauso tiefsinnig und charmant wie seine Geschichten und erzählen von kleinen und großen Themen der Menschen. Einige seiner Werke zeigt das Bauernhofmuseum Jexhof in Schöngeising im Landkreis Fürstenfeldbruck aktuell im Rahmen der Ausstellung "Janosch: Vom Ammersee bis Panama. Aus Leben und Werk des Zeichners und Autors Horst Eckert".


Noch bis 18. Februar: "James Francis Gill - Pop Art & Cars" im MAC Museum Art & Cars


James Francis Gill (geboren 1934) ist seit den 1960er Jahren aus der amerikanischen Kunstszene nicht wegzudenken. Seine Werke wurden schon im Museum of Modern Art (New York) ausgestellt, teilweise zusammen mit denen anderer Pop Art-Größen wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Die Ausstellung "James Francis Gill - Pop Art & Cars" zeigt jüngere Werke und Arbeiten aus seiner frühen Zeit, die noch nie außerhalb der USA ausgestellt waren. Zusammen mit den Kunstwerken Gills sind amerikanische Fahrzeuge zu bewundern, die für ihn eine besondere Bedeutung haben wie zum Beispiel eine Corvette C1. Wegen des großen Besucherinteresses ist die Ausstellung im MAC Museum Art & Cars in Singen bis zum 18. Februar verlängert worden.


Noch bis 4. März: "James Rosenquist. Eintauchen ins Bild" im Museum Ludwig


Der Amerikaner James Rosenquist (1933-2017) gehört zu den Begründern der Pop Art. Bei all seinen Werken war es ihm ein Anliegen, den Betrachter nicht nur zu berühren, sondern in seine Kunst einzubeziehen. Hierfür nutzte er überdimensionale Formate und grelle Farben, die ein besonderes Erleben seiner Bilder und Installationen ermöglichen. Seine Kunstwerke finden sich in den wichtigsten Museen der Welt wie dem Guggenheim Museum und dem Museum of Modern Art in New York oder dem Centre Georges Pompidou in Paris. Als Hommage an den im März 2017 verstorbenen Künstler zeigt das Museum Ludwig in Köln in seiner (noch von dem Künstler selbst autorisierten) Ausstellung "James Rosenquist. Eintauchen ins Bild" eine große Auswahl seiner Werke.


21. Januar bis 29. April.: Georg Baselitz in der Fondation Beyeler und "Werke auf Papier" im Kunstmuseum Basel


Der Maler, Grafiker und Bildhauer Georg Baselitz (geboren 1938) gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern. Anlässlich des 80. Geburtstags von Georg Baselitz eröffnen im Januar gleich zwei Ausstellungen in Basel (Schweiz). Zum einen zeigt die Fondation Beyeler - in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden (Washington D.C.,USA) - eine Retroperspektive seines Schaffens. Darin sind rund 80 Gemälde und Skulpturen zu sehen, die zwischen 1959 und 2017 entstanden sind. Einige der neuen Werke wurden vorher noch nie öffentlich gezeigt. Parallel dazu ehrt das Kunstmuseum Basel den Künstler mit der Ausstellung "Werke auf Papier", in der 100 seiner großformatigen Zeichnungen aus den letzten 60 Jahren präsentiert werden.


26. Januar bis 18. März: Günther Uecker im Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren


Der deutsche Maler und Objektkünstler Günther Uecker (geboren 1930) wurde vor allem durch seine ausgefallenen Nagelbilder und Nagel-Reliefs national und international bekannt. Darüber hinaus schuf er verschiedenste andere künstlerische Objekte, die teilweise der kinetischen Kunst zugeordnet werden können, und erregte mit seinen Installationen bundesweit Aufsehen. Das Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren zeigt mit Ueckers Werkzyklus "Huldigung an Hafez" eine weitere Seite seines Schaffens. Die darin enthaltenen 42 Werke sollen einen Brückenschlag zwischen der persischen und deutschen Kultur bilden.


03. Februar bis 27. Mai: "Otmar Alt - Lebenswege" in der Kunsthalle Messmer


Farbenfroh und fantasievoll - so sind die Bilder von Otmar Alt (geboren 1940), der zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart gehört. Als Maler, Bildhauer, Grafiker und Designer drückt er seine Experimentierfreude und Kreativität auf unterschiedlichste Weise aus. Die Kunsthalle messmer in Riegel am Kaiserstuhl präsentiert in der Ausstellung "Otmar Alt - Lebenswege" einen bunten Querschnitt seines Schaffens.


09. Februar bis 28. Mai: Eduardo Paolozzi "Eduardo Paolozzi. Lots of Pictures - Lots of Fun" in der Berlinischen Galerie


Er gilt als einer der "innovativsten und respektlosesten Künstler der britischen Nachkriegsmoderne". Eduardo Paolozzi (1924-2005) ist der Wegbereiter der britischen Pop Art. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit der Schnittstelle von Mensch und Maschine. Hierfür nutzte er die unterschiedlichsten Materialien. Die Ausstellung "Eduardo Paolozzi. Lots of Pictures - Lots of Fun" in der Berlinischen Galerie (Museum für Moderne Kunst) zeigt eine große Auswahl seiner Werke mit dem Schwerpunkt auf Arbeiten aus den 1940er bis 1970er Jahren.


16. Februar bis 27. Mai: "Basquiat. Boom for Real" in der Schirn Kunsthalle


Die Kreativität von Jean-Michel Basquiat (1960-1988) drückte sich in den unterschiedlichsten Formen aus: Mit seinen Graffiti, Collagen, Installationen und seiner Malerei eroberte er die Kunstwelt New Yorks und erntete schon bald auch internationale Anerkennung. In Zusammenarbeit mit dem Barbican Centre in London zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt in der Ausstellung "Basquiat. Boom for Real" rund 100 Werke, die einen eindrucksvollen Überblick über das Leben und Werk des jung verstorbenen Künstlers geben.


26. April bis 02. September: Otto Waalkes im Caricatura Museum für Komische Kunst


Otto wird 70! Otto Waalkes ist nicht nur Schauspieler, Musiker, Regisseur und Synchronsprecher, sondern auch (Comic-)Zeichner und Grafiker. Seine bekannteste Figur ist der Ottifant, der sich in zahlreichen Gemälden des Ostfriesen wiederfindet. Darüber hinaus gehören Collagen mit Musikmotiven und Star-Wars-Motive zu den Werken des Allroundkünstlers. Ihm zu Ehren widmet das Caricatura Museum für Komische Kunst Frankfurt eine Sonderausstellung, in der viele seiner grafischen Arbeiten zu sehen sind.


18. Mai bis 15. Juli: Ilya und Emilia Kabakov "Two Times" in der Kunsthalle Rostock


Das in New York lebende Künstlerpaar Ilya und Emilia Kabakov ist für seine raumgreifenden Installationen und Gemälde bekannt. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Darunter ist auch der höchste japanische Kunstpreis "Premium Imperale", der als Nobelpreis der Kunst verstanden wird. Die Kunsthalle Rostock zeigt Gemälde aus verschiedenen Schaffensphasen des Paars. Parallel zu der Ausstellung "Two Times" findet die Einweihung eines "Ship of Tolerance" im Rostocker Stadthafen statt, wo das Schiff bis Oktober liegen wird. Dieses Projekt für mehr Toleranz und Respekt für fremde Kulturen ist eine Herzensangelegenheit von Ilya und Emilia Kabakov und wurde unter anderem schon in New York und Havanna realisiert.


19. Oktober bis 06. Dezember: Thomas Bayrle "FLANSCH" im Marburger Kunstverein


Als einer der wichtigsten deutschen Pop Art-Vertreter nutzt der Maler, Grafiker und Video-Künstler Thomas Bayrle (geboren 1937) neben traditionellen Techniken auch Computeranimationen für seine Werke. Typisch für seine Arbeiten sind die seriellen Elemente in seiner Bildgestaltung und die Motive aus der Welt der Konsumwaren - ähnlich wie bei Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Der Marburger Kunstverein zeigt im Rahmen der Veranstaltungsreihe "50 Jahre '68" Bayrles Arbeiten in der Ausstellung "FLANSCH".


Die 10 teuersten Bilder der Kunstgeschichte

Die 10 teuersten Bilder der Kunstgeschichte

Kunst lädt zum Träumen ein und lässt sich je nach Betrachtungsweise individuell interpretieren. Nicht nur die Entstehungszeit des Kunstwerkes ist ein wichtiger Faktor, sondern auch die Empfindungen und Hintergründe der Kunstschaffenden sind elementar. Je nach Bekanntheits- und Genialitätsfaktor des Künstlers sind die jeweiligen Werke mehr oder weniger wertvoll. Doch welches sind die teuersten Bilder der Kunstgeschichte? Wir geben Ihnen einen Einblick in die Gemälde, die in den bekannten Auktionshäusern besonders hohe Preise erzielten.

Nummer 10: Nurse von Lichtenstein – verkauft für 95,3 Millionen Dollar

Roy Lichtenstein kreierte bahnbrechende und wegweisende Kunstwerke, die stilistisch der Richtung Pop-Art zugeordnet werden. Seine Comic-Werke erlangten auf der ganzen Welt Berühmtheit und gelten als begehrte Sammlerstücke. Die in weiß gekleidete Krankenschwester auf dem Bild „Nurse“ gilt deshalb als Repräsentantin der gesamten Epoche. Im Jahr 1964 von Lichtenstein hergestellt, wurde das Kunstwerk im Jahr 2015 bei einer Versteigerung im Auktionshaus Christie‘s für den unglaublichen Wert von 95 Millionen Dollar versteigert. Doch diese Dame im Pop-Art Design ist nicht die teuerste aller Zeiten, denn andere Frauen haben ihr schon mühelos den Rang abgelaufen.

Nummer 9: Junge mit Pfeife von Picasso – verkauft für 104,2 Millionen Dollar

Selbstverständlich darf der spanische Maler Pablo Picasso in keiner Auflistung der wertvollsten Gemälde fehlen. Der Originaltitel dieses beliebten Werkes lautet „Garçon à la pipe“ und entstand 1905. Zugleich markiert es den Übergang von der blauen zur rosa Periode des Malers und suggeriert durch die zarten Töne eine außerordentlich träumerische Stimmung. Sagenhafte 104,2 Millionen Dollar erzielte die Veräußerung des Bildes des bekannten Malers bei Sotheby’s im Jahr 2004. In unserer Rangliste nimmt es daher den wohlverdienten neunten Platz ein.

Nummer 8: Akt mit grünen Blättern und Büste von Picasso – verkauft für 106,5 Millionen Dollar

Auf dem achten Platz befindet sich wieder ein Meisterwerk Picassos: Das Ölgemälde aus dem Jahr 1932 entstand in der produktivsten Schaffensperiode des Künstlers und wurde an nur einem einzigen Tag angefertigt. Bis zum Jahr seiner Versteigerung befand sich das Gemälde im Privatbesitz der Familie Rosenberg und wurde nur ein einziges Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Ein unbekannter Bieter bezahlte letztlich 106,5 Millionen Dollar, um das Werk sein Eigen nennen zu dürfen. Bis dato war es der bisher höchste Preis eines Gemäldes, der erzielt wurde.

Nummer 7: Der Schrei von Munch – verkauft für 119,9 Millionen Dollar

Parodiert, skizziert und weltbekannt: Der Schrei von Edvard Munch nimmt den siebten Platz auf der Rangliste der teuersten Bilder ein. Der norwegische Maler erschuf die schreiende menschliche Figur circa 1893 als Teil einer vierteiligen Reihe mit dem unverkennbaren Motiv. Aussagekräftig symbolisiert die schreiende Figur in Verbindung mit der kargen und schier endlosen Landschaft die Seele als Spiegel und die Angst vor dem Verlust seiner selbst. Das den Expressionismus einläutende Werk erreichte bei einer Auktion im Jahr 2012 unglaubliche 119,9 Millionen Dollar. Dieses Höchstgebot wurde von dem New Yorker Geschäftsmann Leon Black erzielt, der zugleich im Aufsichtsrat des Museum of Modern Art sitzt.

Nummer 6: Adele Bloch-Bauer I von Klimt – verkauft für 135 Millionen Dollar

Der österreichische Maler Gustav Klimt gilt als Inbegriff des Jugendstils. Besonders bekannt ist das Gemälde, das sich auf dem sechsten Platz der Liste der teuersten Bilder der Kunstgeschichte befindet. Umgangssprachlich als die „Goldene Adele“ bezeichnet, ist das Ölgemälde mit umfangreichen Silber- und Blattgold verzierten Emblemen für unglaubliche 135 Millionen Dollar im Auktionshaus Christie’s verkauft worden. Heute hängt das Bild in der Neuen Galerie in New York und kann von den hiesigen Besuchern bestaunt werden.

Nummer 5: Woman III von de Kooning – verkauft für 137,5 Millionen Dollar

Der US-amerikanische Maler Willem de Kooning wird der Epoche des abstrakten Expressionismus zugeordnet. Dazu gehört auch sein 1953 entstandenes und einer Reihe von sechs ähnlichen Bildnissen zuzuordnendes Gemälde Woman III. Wirre Striche und eine gedeckte Farbgebung charakterisieren den ersten Eindruck, den der Betrachter erhält. Der amerikanische Kunstsammler und Hedgefonds-Manager Steven A. Cohen kaufte das Bild im Jahr 2006 über einen Kunsthändler für einen Gesamtwert von 137,5 Millionen Dollar.

Nummer 4: No. 5, 1948 von Pollock – verkauft für 140 Millionen Dollar

Die Nummer 4 unserer Liste trägt den Namen No. 5, 1948. Das Gemälde des US-amerikanischen Künstlers Jackson Pollock war lange Zeit der unangefochtene Spitzenreiter und an Platz eins der teuersten Bilder der Kunstgeschichte. Für sagenhafte 140 Millionen Dollar wechselte es den Besitzer – wer der glückliche Käufer war, ist leider nicht bekannt. Das Motiv im Stil des Action Painting ist ebenfalls dem abstrakten Expressionismus zugehörig und auf eine Holzplatte gemalt. Obwohl Malen eigentlich nicht der treffende Begriff ist: Die mehrheitlich braune und gelbe Farbe wurde hauptsächlich auf die Platte getropft und gespritzt.

Nummer 3: The Studies of Lucian Freud (Triptychon) von Bacon – verkauft für 142,4 Millionen Dollar

Francis Bacon ist der Künstler, dessen Bild sich auf dem dritten Platz der teuersten Bilder der Kunstgeschichte befindet. Sein Triptychon ist – wie der Name schon verrät – eine dreiteilige Reihe über den Maler Lucien Freud. Der charakteristische Bildaufbau auf monochromem Hintergrund stellt in verzerrter Form den Enkel des weltberühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud dar. Beide Künstler waren eng befreundet und malten sich regelmäßig gegenseitig. Der unbekannte Käufer des Werks gab im Auktionshaus Christie’s 142,4 Millionen Dollar dafür aus.

Nummer 2: Nu couché von Modigliani – verkauft für 170,4 Millionen Dollar

Das Gemälde, das den zweiten Platz unserer Liste belegt, löste zu seiner Entstehungszeit einen regelrechten Skandal aus. Der „liegende Akt“ zeigt eine komplett entblößte Frau, bei der Brüste und Scham deutlich zu erkennen sind. Der Italiener Amedeo Modigliani war berühmt für seine Aktgemälde und erhielt die nötige Akzeptanz und Bewunderung für seine Werke erst spät in seiner künstlerischen Schaffenszeit. So erzielten alle Bilder erst postmortal eine gewisse Popularität und auch hohe Preise. Das Werk „Nu couché“ erzielte bei einer Versteigerung im New Yorker Auktionshaus Christie’s  einen exorbitanten Preis von 170,4 Millionen Dollar. Nie zuvor wurde für ein Gemälde des Künstlers mehr bezahlt.

Nummer 1: Les femmes d’Alger (Version O) von Picasso – verkauft für 179,4 Millionen Dollar

Spitzenreiter in der Liste der teuersten Gemälde der Kunstgeschichte ist ein alter Bekannter: Pablo Picasso ist der am höchsten gehandelte Künstler, deren Werke nicht nur in der Kunst-Szene besonders begehrt sind. „Les femmes d’Alger“ wechselte ebenfalls bei einer Versteigerung den Besitzer. Mit einem Preis von 179,4 Millionen Dollar ist es das am teuersten verkaufte Bild aller Zeiten. Das in den späten Jahren des Künstlers entstandene Werk ist zugleich eine Hommage an den von Picasso geschätzten und 1954 verstorbenen Maler Henri Matisse. Zu dieser Zeit änderte Picasso seinen Stil. Er versuchte sich an einer Rückbesinnung und orientierte sich an der Kunst der alten Meister. Dabei versuchte er in einen Wettstreit mit ihnen zu treten. „Les femmes d’Alger“ kann deshalb als eine eigene Interpretation des Bildes „Die Frauen von Algier“ von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1834 angesehen werden. Der Käufer des Werkes ist jedoch leider unbekannt. 


Georges Braque: Ein Leben neben Picasso

Es mag unfair sein, doch es ist eine Tatsache, dass die Geschichte sich nur an jene erinnert, die Neues, Spektakuläres, Unerhörtes geleistet haben. Entsprechend mag der Name Georges Braques (1882-1963) gelegentlich wohl in Zusammenhang mit Picassos (1881-1973) fallen – niemals aber würde jemand auf die Idee kommen, Picasso an Braque zu messen. Das Ungewöhnliche an diesem Schattendasein des französischen Künstlers, der dem gleichaltrigen und bereits berühmten Picasso im Dezember 1907 begegnet, ist allerdings, dass Braque sich auch niemals wirklich darum bemüht hat, aus dem großen Schatten des Freundes herauszutreten.

Georges Braque: Der "erlernte" Künstler

Im Gegensatz zu Picasso, der bereits im zarten Alter von fünf Jahren als Wunderkind gilt und schon wenig später die alten Meister kopiert, muss Braque, der 1882 in dem Pariser Stadtteil Argenteuil geboren wird, sein Handwerk erst erlernen. Hierzu besucht er ab 1899 Abendkurse an der Pariser Kunstakademie, macht ab 1900 eine Lehre zum Dekorationsmaler und nimmt Zeichenunterricht. In den folgenden Jahren besucht Braque die 'Académie Humbert' und macht sich intensiv mit der Pariser Kunstszene vertraut. Seine Vorbilder findet er vor allem in Paul Cézanne und den expressiv bunten Werken der Fauves, die er erstmals 1905 im 'Salon d’Automne' sieht. Als er im Jahre 1907 auf Picasso trifft, beherrscht Braque seine Kunst zwar, hat, im Gegensatz zum gleichaltrigen Picasso, der zu diesem Zeitpunkt bereits fünf verschiedene Stile beherrscht, jedoch noch nicht zu einem eigenen Stil gefunden.

Braque, Picasso und die Frage des geistigen Plagiats

Picasso - Les Demoiselles d’Avignon

History Stack - Pablo Picasso - Les Demoiselles d'Avignon – pixabay.com

Braque lernt Picasso über den französischen Autor Guillaume Apollinaire kennen, welcher Ersteren mit in das Atelier des Freundes nimmt. Hier sieht Braque Picassos Gemälde "Les Demoiselles d’Avignon", das als erstes kubistisches Werk der Kunstgeschichte gilt. Braque ist so beeindruckt von der vollkommen neuen und revolutionären Formensprache des Bildes, dass er in der Folge selbst erste Versuche mit der kubistischen Malweise unternimmt, die insgesamt sehr stark an die Picasso-Vorlage erinnern. Obgleich Picasso zu diesem Zeitpunkt bereits ein "Markenname" ist und die Kunsthändler sich um ihn reißen, während Braque überwiegend unbeachtet bleibt, entwickelt sich zwischen den beiden Künstlern eine enge Freundschaft, die unter anderem durch die gemeinsame Begeisterung für Cézanne getragen ist.

Ab 1908 verbindet die beiden auch eine intensive künstlerische Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Kubismus, die sich durch gegenseitige Kritik, Atelierbesuche und gemeinsame Projekte auszeichnet. So kommt es, dass sich viele der Bilder, die in der Zeit zwischen 1908 und 1914 auf der einen oder auf der anderen Seite entstehen, kaum eindeutig einem der beiden Künstler zuordnen lassen. So ist Braque der Erste, der mit gemalten Buchstaben, Etiketten und sog. Trompe-l’oeil-Effekten (illusionistische Malerei) arbeitet, was Picasso aufgreift und zu Materialcollagen weiterentwickelt, die den Eindruck der Zergliederung der Gegenstandes durch einen plastischen Effekt hervorrufen. Exemplarisch für diese Zeit sind etwa Bilder wie "Girl with a Cross" (1911), "Das Tischchen" (1913) und "Häuser in L’Estaque" aus dem Jahre 1908. Im gleichen Jahr findet auch die erste gemeinsame Ausstellung in der Galerie des Pariser Kunsthändlers Daniel-Henry Kahnweiler statt.

"Picasso und ich befanden uns gewissermaßen auf der Suche nach einer anonymen Persönlichkeit. Wir waren bereit, unsere Persönlichkeit auszulöschen, um Originalität zu finden.“, Georges Braque

Das wenig beachtete Spätwerk

Obgleich "Braque" der Kunstgeschichte natürlich ein Begriff ist, beschränkt sein Ruhm sich tatsächlich auf die Zeit zwischen 1907 und 1914, als er die Welt an der Seite Picassos in Würfel, Zylinder und Prismen zerlegte. Die gemeinsame Arbeit endet abrupt bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als Braque als Soldat dient und eine schwere Kopfverletzung erleidet. Den Pinsel kann er erst zwei Jahre später, nachdem er vollständig genesen ist, wieder aufnehmen – zu diesem Zeitpunkt hat Picasso sich bereits neuen, kühneren Projekten gewidmet. Neben spätkubistischen Arbeiten, die nach wie vor sehr an den früheren Freund erinnern, entsteht nun auch ein grafisches Werk: Braque schafft Radierungen, Lithografien und Holzschnitte. Ab 1939 widmet er sich außerdem der Bildhauerei.

Während Picasso auch im Alter das Genie, das "Wunderkind" bleibt und im Alter von 56 Jahren mit seinem Gemälde "Guernica" (1937) das Leid einer ganzen Volksgruppe auf Leinwand bannt, widmet Braque sich mit zunehmendem Alter wieder seinen fauvistischen Landschaften und synthetisch-kubistischen Landschaften und überlässt das öffentliche Interesse dem früheren Freund. Er tut dies sogar gänzlich ohne Groll: Selbst als junger Mann hatte Braque sich stets in einem gewissen Abstand zur Pariser Kunstszene bewegt, die Drogenorgien gemieden und sich stattdessen einem eher ruhigen Dasein mit seiner Lebensgefährtin Marcelle Lapre gewidmet. Anders als Picasso ist Braque niemals das Genie gewesen, das mit Freuden für seine Kunst gestorben wäre – und er hat sich auch nie als ein solches inszeniert.


Kubismus: Alle Perspektiven auf einen Blick

"Alles in der Kunst bildet sich aus Kugel, Kegel und Zylinder." Dieser Ausspruch Paul Cézannes beschreibt das Grundprinzip der (aus heutiger Sicht) revolutionärsten Neuerung in der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts: des Kubismus (franz. 'cube' = Würfel, Kubus). Die Stilrichtung entsteht um 1907 in Frankreich, wo sie den Fauvismus ablöst, und führt das Prinzip der künstlerischen Abstraktion, das durch die französischen Post- und Neoimpressionisten begründet wurde, zu einem neuen Höhepunkt: Anstatt durch perspektivische Verfremdung oder unnatürliche Farbgebung wird der Gegenstand im Kubismus mathematisch analysiert und in seine geometrischen Formen zergliedert.

Im Allgemeinen unterscheidet man in dieser Stilrichtung eine frühe, eine analytische und eine synthetische Phase. Der Einfluss des Kubismus auf die Klassische Moderne ist kaum zu überschätzen: Obgleich es niemals, wie etwa im Futurismus oder dem Fauvismus, ein "Manifest" bzw. theoretische Niederschriften gegeben hat, leitet der Kubismus in der Bildenden Kunst eine neue Denkordnung ein, die in der Folge sogar auf die Bildhauerei, die Architektur und die Plastik übergeht. Zu den wichtigsten Vertretern zählen neben Pablo Picasso auch Robert Delaunay und Georges Braque. Obgleich sich die Bewegung bis in die 1920er Jahre fortsetzt, treten mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 bereits erste Zersetzungserscheinungen ein.

Frühkubismus ab 1907: Picasso und Braque

Pablo Picasso - Les Demoiselles d'Avignon

History Stack - Pablo Picasso - Les Demoiselles d'Avignon – pixabay.com

Als erstes „kubistisches“ Bild der Kunstgeschichte gelten die „Les Demoiselles d’Avignon“ (1907) des französischen Malers Pablo Picasso: Hier zeigen sich fünf Prostituierte frontal einem imaginären Betrachter, während sie durch die spezifisch perspektivische Darstellung jedoch zugleich selbst eine Art Betrachter-Position einnehmen. Picassos Bild zeigt mit der beginnenden Zersplitterung der Frauenkörper in kubenähnliche Formen und der Reduzierung der Farbpalette auf gebrochene Töne wie Braun, Grau und Blau bereits die „typischen“ Merkmale des Kubismus. Zeitgleich mit Picasso arbeitet um 1907 auch Georges Braque an ersten Entwürfen, in denen Gegenstand, Farbe und Raum auf ihre jeweiligen Grundelemente zurückgeführt werden. In der Forschung wird häufig darüber diskutiert, ob beide Künstler unabhängig voneinander zur kubistischen Methode fanden oder ob Braque von Picasso inspiriert wurde.

Analytischer Kubismus (1910-1912): Vom Konkreten zum Abstrakten

Der Analytische Kubismus entwickelt die geometrische Aufsplitterung des Körpers weiter, indem er den Fokus noch deutlicher auf die Form legt und das Kolorit stärker reduziert, während reinfarbige (häufig schwarze oder weiße) Linien zur motivischen Begrenzung eingesetzt werden. Anstatt das Abgebildete jedoch „nur“ in seine Grundelemente zu zerlegen, strebt der Analytische Kubismus danach, diesen Zerlegungsprozess sichtbar zu machen und die unterschiedlichen Perspektiven frontal in einer Ansicht miteinander zu vereinen. Das Prinzip der 'Simultaneität' ist geboren. So werden Ansichten aus unterschiedlichen Sichtwinkeln zeitgleich dargestellt, wodurch sich der konkrete Gegenstand auflöst und durch einander durchdringende Einzelformen gleichsam neu konstruiert. Im Analytischen Kubismus liegt das Hauptaugenmerk auf Alltagsgegenständen und -situationen. Beispielhaft steht hier Georges Braques Bild „Krug mit Violine“ von 1910.

Auch Picassos Materialcollagen zählen zum Analytischen Kubismus: Während die „Zersplitterung“ des Gegenstandes in der Malerei allein durch Form und Perspektive erreicht wird, nutzt Picasso Materialien wie Sand, Holz und verschiedene andere Textilien, um Simultaneität durch plastische Effekte zu erzeugen. Seine diesbezüglichen Arbeiten sind auch wegweisend für die sog. „Kubistische Plastik“, welches das Prinzip der Simultaneität auf dreidimensionale Arbeiten überträgt. Wichtige Vertreter sind hier auch der amerikanische Bildhauer Alexander Archipenko und der deutsche Künstler Rudolf Belling.

Synthetischer Kubismus ab 1912: Vom Abstrakten zum Konkreten

Pablo Picasso - Bildnis Fernande Olivier

HEN-Magonza - Pablo Picasso, Bildnis Fernande Olivie – pixabay.com

Ab 1912 löst der Kubismus sich vollständig vom konkreten Gegenstand und arbeitet nur noch mit geometrischen Einzelformen, die synthetisch, das heißt ohne Vorlage eines Motivs, zu „neuen“ Objekten zusammengefügt werden. Während der Analytische Kubismus also konkrete Gegenstände in ihre Einzelformen zerlegt, existieren im Synthetischen Kubismus nur noch die geometrischen Formen, welche frei zu neuen Kreationen kombiniert werden, die teilweise auch fließend ineinander übergehen. Insgesamt ist der Kubismus in dieser letzten Phase wieder deutlich „bunter“, indem mit einander überlagernden Farbflächen gearbeitet wird, die durch starke Konturen voneinander abgesetzt sind. Auch die Verwendung kräftig reiner Farben ist ein beliebtes Stilmittel des synthetischen Kubismus.

Neben Braque und Picasso, dessen „Bildnis Fernande Olivier“ (1909) zu den bekanntesten synthetischen Kunstwerken zählt, ist der spanische Maler Juan Gris einer der wichtigsten Vertreter dieser Stilrichtung. Gris sind auch die einzigen theoretischen Schriften zu dem Thema zu verdanken, welche sich jedoch ausschließlich auf diese letzte Phase des Kubismus beziehen. Zu den bekanntesten Werken Gris` zählen das „Portrait von Pablo Picasso“ (1912) und der „Harlekin mit Gitarre“ aus dem Jahre 1919.


Die Neuen Wilden: Expressiv-naive Kindergartenkunst

Als der Museumsdirektor Wolfgang Becker zu Beginn der 80er Jahre über die farbenfroh-naive, anti-intellektuellen Kunst der Neuen Wilden spricht, ergeht es ihm wie rund 80 Jahre zuvor dem Pariser Kunstkritiker Louis Vauxelles, der anlässlich einer Ausstellung im Salon d'Automne ironisch bemerkt: "Sieh da, Donatello umgeben von wilden Bestien!" Sowohl Vauxcelles als später auch Becker meinen ihre Wortschöpfungen durchaus abwertend – und geben dennoch zwei jungen Bewegungen ihren Namen: Während Vauxcelles 1905 den Ausdruck "Fauves" (dt. 'die Wilden') für die französischen Expressionisten prägt, gibt Becker den jungen deutschen und österreichischen Künstlern einen Namen: Die Neuen Wilden sind geboren.

Die Neuen Wilden in den Spuren der (alten) Wilden

Rainer Fetting – Nordische Landschaft

Die Ähnlichkeit der Bezeichnung kommt nicht von ungefähr, denn obgleich den Fauvismus und die Neuen Wilden beinahe ein ganzes Jahrhundert trennt, haben sie vieles gemeinsam: Beide Gruppierungen sind heterogen, arbeiten ohne explizites Programm und setzen auf naive, extrem bunte Farbigkeit. Außerdem entstehen beide Stilrichtungen gleichsam in Rebellion gegen ein akademisches Kunstverständnis, dass zu Zeiten der Fauvisten durch die Pariser "Académie des Beaux-Arts" repräsentiert wird: Die wohlstandbedingte Apathie der künstlerischen Szene der späten 70er Jahre führt zunehmend zu Repressionen gegen Künstler und Künstlerinnen, die so gezwungen werden sollen, ihre Arbeiten dem "intellektuellen" Stil anzupassen. Die wichtigste Gemeinsamkeit liegt jedoch in den künstlerischen Mitteln, aufgrund derer die Kunst der Neuen Wilden auch häufig als neoexpressionistischer Stil bezeichnet wird.

Die Neuen bzw. Jungen Wilden stehen in der Tradition von Dadaismus, Fluxus und der italienischen Transavangarde und lehnen den konventionellen Kunstbegriff kategorisch ab. Parallel zu den Umwälzungserscheinungen in Deutschland und Österreich, welche sich in Berlin, Hamburg, Köln und Wien zentrieren, formiert sich auch in den USA eine neoexpressionistische Gruppierung, die als "New Image Painting" bzw. "Wild Style" bezeichnet wird. Etwa zeitgleich entsteht in Frankreich die "Figuration Libre". Heute wird die Bezeichnung Neue Wilde häufig nicht auf die Kunst bezogen, die in dieser Bewegung entstanden ist, sondern vielmehr auf die Künstler und Künstlerinnen selbst, die in kulturellen Zentren der Zeit (allen voran Berlin) wilde Exzesse feierten und berühmt waren für ihre sexuellen Eskapaden.

Die Expressivität der Neuen Wilden: „Heftige“ Malerei

Um eine klare Abgrenzung der Neuen Wilden von ihrer jeweiligen Kunst zu schaffen, entsteht Ende der 80er Jahre eine neue Bezeichnung: Die Kreationen der Neuen Wilden werden fortan als "Heftige Malerei" bezeichnet. Genau wie die Fauves setzen sie vor allem auf eines: Auf Farbe – und zwar auf reine Farbe. Wie 80 Jahre zuvor die "Académie des Beaux-Arts", sehen sich nun die reaktionären Kunst- und Kulturkritiker in Österreich und Deutschland mit zwar durchaus traditionellen Motiven wie Landschaften, Stillleben und Portraits konfrontiert, die jedoch gänzlich antinaturalistisch gestaltet sind: Verschwimmende Konturen lassen Vorder- und Hintergrund ineinander übergehen und bilden so die hauptsächlichen Gestaltungsmerkmale für die gezielte Formlosigkeit dieser "wilden" Kunst.

Die extrem großformatigen Bilder sind häufig durch Neonfarben ergänzt und mit Graffiti-Elementen durchsetzt, die sich dem schwungvollen Pinselstrich angleichen und einen Kontrast zur betont malerischen Gestaltung bilden. Genau wie im Expressionismus werden die Kunstwerke hier zum subjektiven Ausdruck der Emotionen, Ängste und Sehnsüchte des Künstlers. Trotz der bisweilen dunklen Themen versteht die Heftige Malerei sich als betont lebensbejahende und naiv-fröhliche Kunst, die mit ihren Bildern erzählen, erfreuen und einen künstlerischen Raum schaffen will, der "mehr nach Kindergarten als nach ästhetischem Laboratorium schmeckt". Bedeutende Vertreter der Neuen Wilden sind u.a. Werner Büttner, Albert Oehlen und Martin Kippenberger in Hamburg, die sich dezidiert sozialen Themen zuwenden, und die Kölner Gruppe "Mühlheimer Freiheit", die sich selbst nach ihrem Atelier benannte. In beiden Gruppierungen entstehen viele Werke in gemeinschaftlicher Arbeit.

Helmut Middendorf – Elektrische Nacht

HEN-Magonza - Helmut Middendorf, Elektrische Nacht – flickr.com

Das bekannteste Mitglied des Berliner Kreises ist der Maler Wolfgang Cilarz, der für seinen freizügig-erotischen Performances und die Beschäftigung mit der Verbindung von Sexualität und Kunst berühmt geworden ist. Ein weiterer Vertreter der Berliner Gruppierung ist Rainer Fetting, der für seine Portraits und Landschaftsbilder, beispielsweise die "Nordische Landschaft 1" bekannt geworden ist (siehe Bild oben).

Ein weiteres Mitglied der Berliner Gruppe fällt durch besondere Expressivität auf: Helmut Middendorf erschafft Kunstwerke von unglaublicher farbiger Dynamik, so etwa in dem Bild "Elektrische Nacht" von 1979 (siehe Bild). Aufgrund ihrer unkonventionellen, freidenkerischen Art, werden die Neuen Wilden häufig in Verbindung zu Protestbewegungen wie Punk oder New Wave in Verbindung gebracht.


Fluxus: Einheit von Kunst und Leben

„Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben.“ Dieser Satz, der die Identität der Kunst mit dem Leben beschreibt, stammt von dem Publizisten Emmett Williams, der zugleich Mitbegründer und wesentlicher Protagonist der Fluxus-Bewegung ist. Dieser Stil der Aktionskunst, der sich in den 1960er Jahren entwickelt, ist neben dem Dadaismus, dem Happening und der Body Art ein weiterer Angriff auf die elitäre „Hochkunst“ des Bürgertums und versucht, eine neue Perspektive zu schaffen, indem sie die traditionellen Formen der Bildenden Kunst überschreitet.

Fluxus als Teilströmung der Aktionskunst

Dieter Roth – Schweiz Hutsalat

Fluxus entwickelt sich, getragen von einzelnen Persönlichkeiten aus der New Yorker Musik- und Literaturszene, Mitte des 20. Jahrhunderts als Teil der künstlerischen Avantgarde, für welche die Trennung von Künstler und Kunstwerk, wie es in der traditionellen Bildenden Kunst der Fall ist, nicht mehr haltbar ist. Direktes Ergebnis der avantgardistischen Bestrebungen ist die Aktionskunst, zu der auch die Fluxus-Bewegung zählt, und die gegen den bürgerlichen, als zu „eng“ und „elitär“ empfundenen Kunstbegriff revoltiert. Indem die Aktionskunst nach neuen medialen und performativen Ausdrucksformen sucht, überschreitet sie die Grenzen der traditionellen Kunst und bezieht erstmals auch das Publikum in den Schaffensakt mit ein (so beispielsweise beim Happening oder auch unterschiedlichen Formen der Body Art). Zu klassischen Techniken der Bildhauerei und der Malerei gesellen sich nach und nach auch neuartige Medien wie Fotografie, Video und Film, wodurch die Künstler in die Lage versetzt werden, auch den prozesshaften Charakter des künstlerischen Aktes abzubilden (siehe hierzu auch Prozess- bzw. Konzeptkunst): Die Arbeit an dem Kunstwerk wird hier erstmals als Teil des Kunstwerks selbst begriffen.

Die wichtigsten Impulse erhält die Bewegung durch den Dadaismus, jener satirischen und kämpferischen Bewegung, die um 1915 als Protest gegen den Ersten Weltkrieg und den wachsenden Nationalismus des Bürgertums entstanden war. Anders als ihre surrealistischen „Erben“ in Frankreich, strebten die Dadaisten nicht nach einer neuen Kunst und einer neuen ästhetischen Wirklichkeit, sondern erklärten Zufall und Sinnlosigkeit zu ihrem Programm. Während der Zufall auch im Fluxus eine wichtige Rolle spielt, handelt es sich bei den Werken von Künstlern wie:

Emmett Williams,

Robin Page,

Joseph Beuys,

Daniel Spoerri (nur zeitweise) und

Beatle-Ehefrau Yoko Ono

jedoch nicht um einen Protest ohne Inhalt. Im Gegenteil: Fluxus ist dezidiert politisch und antwortet auf den undurchsichtigen Kunst- und Politikbetrieb nach dem 2.Weltkrieg.

Fluxus – der fließende Übergang zwischen Kunst und Leben

Im Fluxus wird der politisch motivierte Gedanke der Aktionskunst noch einmal gesteigert, indem die Bewegung den künstlerischen Schaffensakt nicht mehr als singuläres Ereignis gleichsam außerhalb der sozialen Wirklichkeit begreift, sondern ihn zum Teil dieser Wirklichkeit werden lässt: Kunst soll präsent und „anfassbar“ sein. Aus diesem Grund sind im Fluxus weder Anfangs- noch Endpunkte markiert, da jedes Ereignis seine eigene Dynamik entfaltet und gleichsam „open end“ gestaltet wird. Auf diese Weise soll sich ein nicht fixierter, fließender Übergang zwischen Kunst und Leben entwickeln. Diesem Ideal entspricht auch der Name der Bewegung, welcher an das lateinische Verb „fluere“ (= dt. 'fießen') angelehnt ist, und erstmals im Jahre 1960 als Titel für eine Zeitschrift verwendet wird, die der amerikanische Künstler George Maciunas gemeinsam mit dem litauischen Galeristen Almus Salcius plant. Zwar wird die geplante Zeitschriftenreihe niemals herausgegeben, doch nichtsdestotrotz gelingt Maciunas hiermit die nominale Abgrenzung des Fluxus gegen andere Strömungen der Aktionskunst.

Anstelle von Nacktheit, Kunstblut und blinder Zerstörungswut (so etwa der Fall bei der Aktionskünstlerin Gina Page, die sich Anfang der 70er Jahre live und vor Publikum mit Rasierklingen schnitt), setzt die Fluxus-Bewegung mehrheitlich auf ästhetische Ausdrucksmittel. Unter diesen tritt insbesondere die Musik hervor, da viele Fluxus-Anhänger der ersten Stunde wesentlich von den experimentellen Kompositionen John Cages an der "New School for Social Research" beeinflusst sind und kurzerhand jede Schwingung zu einem musikalischen Vorgang erklären. Auf diese Weise überführen sie alltägliche Abläufe und scheinbar absurde Handlungen in musische Partituren, welche auf einem erweiterten Verständnis von Musik basieren.

Emmett Williams: "Fluxus begriff das gesamte Leben als ein Stück Musik, als einen musikalischen Prozess. Ich denke, der Ursprung des ganzen Skandals waren nicht die verschiedenen Fluxus-Aktionen, sondern vielmehr die Philosophie, die dahinter steckte. Die Idee, dass alles Musik sein kann, ist das überzeugendste und zugleich charakteristische Merkmal und macht Fluxus zu einer in sich geschlossenen Sache."

Da Fluxus sich als globale und weltweit agierende Bewegung versteht und auch auf dem europäischen Kontinent bedeutende Vertreter hat - so etwa Joseph Beuys, Dieter Roth (siehe Poster: Schweiz Hutsalat) und Wolf Vostell- , organisieren die Fluxus-Begründer George Maciunas, Ben Patterson, Emmett Williams, Gerorge Brecht, Dick Higgins, Joe Jones und Nam June Paik bereits im Gründungsjahr Konzerte in Wiesbaden, Kopenhagen und Paris. Im Jahr darauf folgen musikalische Events in London, Nizza und Amsterdam. Weltweite Bekanntheit hat jedoch vor allem das erste Festival in Wiesbaden im Jahre 1962 erlangt, das drei Wochen lang andauerte und den Auftakt für die folgenden Konzerte bildete, die stets nur mit einem skizzenhaften Programm versehen sind, um den Künstler möglichst viel Freiraum in der Gestaltung zu gewährleisten.


Action Painting: Die dynamisch-unbewusste Kunst

Der Surrealismus der Golden Fifties: Als in den späten 1940er Jahren die ersten Amerikaner beginnen, ihre Leinwände von der Staffelei auf den Boden zu verlagern und ihre Pinsel durch Holzstöcke, Farbeimer und Walzen zu ersetzen, erinnert das sehr an einen französischen Kunststil, der sich rund dreißig Jahre zuvor in Frankreich entwickelt hatte. Anders jedoch als der Surrealismus, dessen Werke programmatisch die Realität in Frage stellen, geht es im sog. Action Painting speziell um die Gegenständlichkeit des Bildes und die Erfahrung im künstlerischen Schaffensprozess. Das Action Painting entsteht als eine Strömung innerhalb des amerikanischen Expressionismus. Der bedeutendste Vertreter des Stils ist Jackson Pollock (siehe Bild).

Who is Who? Action Painting und die Kunstszene um 1950

Jackson Pollock – Number 32

Der Begriff 'Action Painting', 'Actionpainting' oder 'Aktionskunst' geht auf den amerikanischen Kunstkritiker Harold Rosenberg zurück, der 1952 einen Aufsatz über die neuartigen und ungewöhnlichen Gestaltungsmethoden des amerikanischen Expressionismus veröffentlicht und diesem die Überschrift „The American Action Painters“ gibt. Ab diesem Zeitpunkt hat die Bewegung zwar einen Namen, ist jedoch nicht klar von anderen Strömungen abgrenzbar. Als Unterkategorie der abstrakten Malerei steht sie den europäischen Erscheinungen von Tachismus und Informel nahe, das Dogma des unterbewussten Gestaltungsaktes rückt sie in die Nähe zur „Écriture automatique“ (Automatisches Schreiben) der Surrealisten. Die Tatsache, dass dem Kunstwerk im Action Painting keine konkrete Idee vorangeht und am Ende auch kein homogenes, in irgendeiner Weise definiertes Ergebnis steht, erinnert an die Techniken des Dadaismus.

Auch über die Genese der Gestaltungsprinzipien lässt sich keine definitive Aussage treffen, da beispielsweise nicht klar ist, ob Techniken wie das „Drip-Painting“ oder das „Schüttbild“ durch das Action Painting geprägt wurden oder ob Künstler, die der Aktionskunst zugeordnet werden, sich dieser Techniken zwar bedient, sie jedoch nicht „erfunden“ haben.

Dynamik und Unbewusstheit: Die Gestaltungsprinzipien der Aktionskunst

Das Action Painting löst sich komplett vom traditionellen Bild des Künstlers, der à la Monet oder Degas, den Pinsel in der einen, die Palette in der anderen Hand, sinnend vor seiner Staffelei steht: Der Schaffensprozess beginnt ohne konkrete Idee und Vorgaben – es gibt keinen Entwurf, keine Vorzeichnung und Vorstellung davon, was am Ende herauskommen soll: Action Painting ist limitiertes Chaos. Limitiert, weil es sich auf einen Malgrund beschränkt, der von der großen Leinwand über Stoffe und Holzpaletten so gut wie alles sein kann. Die Hauptsache ist, dass er ausreichend Platz und Bewegungsfreiheit bietet. Aus diesem Grund arbeiten die Aktionskünstler häufig auf dem Boden, damit sie sich auch über ihrem Malgrund bewegen und so ihren gesamten Körper in den Schaffensprozess einbinden können. Gemalt, gewalzt und gespachtelt wird mit Öl-, Acryl-, Aluminium- und Gouachefarben, die häufig einfach direkt aus der Tube auf den Malgrund gespritzt, getröpfelt (das sog. Tropfbild) oder in großen Mengen über die Leinwand geschüttet und gegossen werden. Viele Aktionskünstler arbeiten auch mit vollem Körpereinsatz, indem sie mit den Händen malen, sich über die Leinwand rollen oder Fußabdrücke auf ihr hinterlassen.

Nana - Niki de Saint Phalle

american_rugbier - Nana by Niki de Saint Phalle – flickr.com

Entscheidend ist, dass der Künstler das Werk erst im Schaffensprozess überhaupt „kennenlernt“, sich mit ihm vertraut macht und mit ihm gemeinsam eine eigene Dynamik entwickelt, in welcher es weiterwächst. Die Künstler versuchen, das bewusste Denken auszuschalten und sich ganz der Gestaltung und dem Farbrausch hinzugeben, damit das künstlerische Unterbewusstsein und die Stimmung des Augenblicks die Kontrolle übernehmen können. Entsprechend besitzen Bilder der Aktionskunst weder hierarchische noch perspektivische Organisation oder figurative Darstellung: Die Dynamik im Bild entsteht immer nur dadurch, wie weit der Pinsel bzw. Das jeweilige Arbeitsgerät vom Malgrund entfernt ist: Hockt der/ die Künstler auf dem Bild, entstehen andere Effekte, als wenn er oder sie die Farbe aus der Ferne aufbringt. Beispielhaft für einen relativ großen Abstand zwischen Künstlerin und Kunstwerk sind die "Schießbilder" der französisch-schweizerischen Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle, die durch ihre überlebensgroßen "Nana"-Skulpturen bekannt geworden ist.

Jackson Pollock: Tropfbilder & Dripping

Kein anderer Name ist so sehr mit der Aktionskunst verbunden wie der Jackson Pollocks, welcher noch heute als der wichtigste Vertreter dieses Kunststils gilt. Pollock war der erste „Mutige“, der die traditionellen Malmittel hinter sich ließ, und die Farbe direkt aus den Tuben auf die Leinwand spritzte bzw. aus Dosen auf den Malgrund tropfen ließ oder mit Kellen darüber ausgoss. Besondere Bekanntheit haben in diesem Zusammenhang Pollocks „Tropfbilder“ (1948) erlangt, die Sie auch bei uns in der Galerie entdecken können. Die Tropfbilder entstehen durch das sog. „Dripping“, dem Ausgießen oder Ausschütten der Farbe (in der Regel Farblacke) direkt über der Leinwand.

Durch die Technik entfaltet sich auf dem Malgrund eine regelrechte Landschaft fein gesponnener, dynamisch ineinandergreifender und vielschichtiger „Netze aus Farbspuren und Farbfäden“, die kunsthistorisch auch als „All over“ bezeichnet wird.

Weitere Vertreter der amerikanischen Aktionskunst sind:

Norman Bluhm,

Franz Kline und

Helen Frankenthaler


Klassizismus: Sehnsucht nach Antike und italienischer Renaissance

In gewisser Weise ist Kunst immer Nachahmung: Jedes Motiv ist schon einmal gemalt, gezeichnet oder gesprayt worden und jeder Künstler bzw. jede Künstlerin ist einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt ist, die seine bzw. ihre Arbeit prägen. Um 1800 bildet sich mit dem Klassizismus bzw. der Neoklassik in Kunst und Architektur jedoch eine Bewegung heraus, die in dem Stil vergangener Epochen nicht nur ein inspirierendes Vorbild sieht, sondern diese dezidiert kopiert. Das "Begehren" der klassizistischen Künstler richtet sich dabei vor allem auf die klassische Antike und die Formensprache der italienischen Renaissance.

Franz-Xaver Winterhalter Gemälde

Franz Xaver Winterhalter - Portrait of Empress Maria Alexandrovna

Der Begriff "Klassizismus" wird häufig mit der Epoche der klassischen Antike verwechselt. Während diese jedoch die Geschichte des antiken Griechenland, des Hellenismus und des darauf folgenden Römischen Reiches bezeichnet, bedeutet "Klassizismus" die Rückwendung (und häufig auch das Kopieren) zu der künstlerisch-architektonischen Formensprache der Antike. Kunstgeschichtlich ist die klassizistische Epoche auf den Zeitraum zwischen 1770 und 1840 datiert und löst den Spätbarock bzw. das Rokoko ab. Die nicht-europäische Bezeichnung für den Klassizismus lautet "Neoklassik", die wiederum nicht mit den neoklassizistischen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verwechseln ist.

Ab 1840 wird der Klassizismus in der Architektur vom Historismus abgelöst, einer eklektischen Strömung, die auf unterschiedliche architektonische Stile, darunter etwa Romanik, Gotik, Barock und Renaissance, zurückgreift und deren Formensprache nicht nur kopiert, sondern die einzelnen Elemente miteinander kombiniert und steigert. "Geistige" Wegbereiterin des Klassizismus ist die Aufklärung, welche dem gefühlsbetonten Rokoko klare Strukturen und das Primat der Vernunft entgegensetzt.

Klassizistische Architektur: Sehnsucht nach der (griechischen) Antike

Der Klassizismus versteht sich bereits in seiner frühen Phase als künstlerisches Gegenprogramm zu der ausladenden, verschnörkelten Formensprache des (Spät)barock und der ornamentalen, aufwändigen Kunst des Rokoko: Durch die Sehnsucht nach natürlichen und schlichteren Formen wird die Erforschung der antiken Kunst und Architektur vorangetrieben, wie sie beispielsweise die Athener Akropolis aufweist. Da die klassische Architektur sich insbesondere durch einfache Formen sowie klare Linien und Gliederungen auszeichnet, werden diese schlichten, aber eindrucksvollen Grundformen in der Architektur zum Vorbild. Bedeutend für die Wiederentdeckung der klassischen Formensprache ist in Deutschland vor allem der Bibliothekar und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann. Fortan bildet das geometrische Formeninventar von Quadrat, Kreis, Kugel und Pyramide den Grundstein der klassizistischen Architektur.

Beispiele für klassizistische Architektur sind:

das Neue Potsdamer Tor in Berlin,

die St.-Pauli-Kirche in Hamburg und

der Triumphbogen in Paris sowie

die Gloriette in Schönbrunn (Wien).

Ein bekannter klassizistischer Architekt aus Deutschland ist Karl Friedrich Schinkel, der u.a. den Zentralbau der Nikolaikirche in Potsdam entworfen hat.

Klassizistische Malerei: Sehnsucht nach der italienischen Renaissance

Während die klassizistische Architektur ihr Vorbild in den klassischen griechischen Tempelbauten sieht, orientiert sich die Malerei dieser Zeit vornehmlich an der Italienischen Renaissance, die kunstgeschichtlich etwa auf das 15. und 16. Jahrhundert datiert ist. Da allerdings auch die Renaissance sich sowohl die bildnerische Formensprache als auch das Wissen und die philosophischen Vorstellungen der griechischen und römischen Antike zu eigen gemacht hatte, prägen Elemente wie idealisiertes Ebenmaß und Harmonie, sowie idealisierende Darstellung der Natur sowohl die Architektur als auch die klassizistische Malerei. In Letzterer werden schon bald Kriterien und Richtlinien zur Erzeugung jener "richtigen" Kunst festgelegt. Parallel zum Klassizismus entsteht in der Bildenden Kunst (und der Literatur) auch die Bewegung der Romantik, welcher den vernunftzentrierten, an der Aufklärung geschulten Denkstrukturen der klassizistischen Epoche eine Art Gefühlskult entgegensetzt.

Die klassizistischen Maler lösen sich von den allegorisch-symbolischen Motiven der Barockzeit und orientieren sich an klassischen literarischen Szenen der griechischen und römischen Antike. Ziel ist es, die „Fehler“ der realen Erscheinung im künstlerischen Kunstwerk auszugleichen und der Wirklichkeit eine idealisierte Fassung ihrer selbst entgegenzustellen. Zu diesem Zweck verbringen klassizistische Künstler wie François Gérard, Antoine-Jean Gros und Gottlieb Schick viel Zeit mit dem Studium der „alten Meister“ in Museen und Kunsthäusern, um sich mit den Gestaltungsregeln der antiken Kunstwerke vertraut zu machen. Der pastose, extrem intensive Farbauftrag des Barock und Rokoko weicht zunehmend einem flächigen Farbauftrag, welcher der harmonischen Gesamtkomposition entspricht. Ausdruck dieses festen Regelwerks ist auch die „Ecole des Beaux-Arts“ in Paris, die erst während der künstlerischen Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Einfluss verliert.

Bekannte klassizistische Gemälde sind u.a. das „Bildnis des Johann Jochamin Winckelmann“ der deutschen Künstlerin Angelika Kauffmann aus dem Jahre 1764, der „Schwur der Horatier“ des Historienmalers Jacques-Louis David von 1784 und ein Bildnis der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sissi) aus dem Jahre 1865, gemalt von Franz Xaver Winterhalter (Beispielgemälde siehe oben).


Minoische Kunst aus Kreta: Meister der Wandmalerei

Als ein gewaltiges Erdbeben um 1700 vor Christus auf Kreta die alten Paläste einer der rätselhaftesten frühen Kulturen der Welt zerstört, macht es zugleich den Weg frei für die Minoische Hochkultur, während derer sich die minoische Freskomalerei zur Meisterschaft entwickelt. Die Minoer, deren Name auf den mythischen Despoten Minos zurückgeht, bauen die Paläste wieder auf – und das prunkvoller als jemals zuvor. Während der darauf folgenden "Neupalastzeit" entstehen Kunstwerke, die bis heute ihresgleichen suchen.

Minoische Kunst und Kultur

Die Minoische Kultur existiert ca. seit dem sechsten vorchristlichen Jahrtausend und wird kunsthistorisch in die Vor-, die Alt-, die Jung- und die Nach-Palastzeit eingeteilt. Obgleich die Minoer in der Vorpalastzeit, welche in die Bronzezeit fällt, noch weitestgehend im Schatten der Ägypter und Mesopotamier stehen, sind schon für diesen Zeitraum wachsende künstlerische Fertigungsweisen belegt. Verschiedene Funde kunstvoller Keramik und Goldschmucks als Grabbeigaben verraten für diesen Zeitraum deutlichen ägyptischen, anatolischen und mesopotamischen Einfluss.

In der Älteren Palastzeit, die etwa um 1900 v. Chr. beginnt, erlebt die minoische Kultur ihre erste Blütephase durch die merkantile Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer und die guten Handelsbeziehungen zu Ägypten. In diese Zeit fallen der sog. "Kamaresstil", benannt nach Keramik-Funden in der Kamaresgrotte im Ida-Gebirge. Die Ältere Palastzeit verdankt ihren Namen den mehrstöckigen Palastanlagen von Malia, Festos und Knossos, welche mit weitläufigen Hofanlagen und Wasserleitsystemen ausgestattet waren. Heute geht man davon aus, dass die Palastanlagen die religiösen und ökonomischen Zentren dieser frühen hochentwickelten Kultur waren.

Als die Paläste um 1700 durch ein Erdbeben zerstört werden, beginnt mit ihrem Wiederaufbau die "Jüngere Palastzeit" oder "Neupalastzeit", in welcher die prunkvollen Anlagen endgültig zu den wichtigsten Wirtschafts- und Kultzentren avancieren. Zu den wiedererrichteten Palästen in Knossos, Malia und Festos kommen noch Anlagen in Archanes, Kydonia und nahe der Küste Zakros hinzu. Die Handelsbeziehungen werden in dieser Zeit bis nach Italien und den vorderen Orient ausgedehnt, was sich u.a. als bedeutsamer Einfluss in den Handwerkskünsten manifestiert. Die Jüngere Palastzeit endet abrupt um 1450 v. Chr., als eine Feuerkatastrophe den Großteil der befestigten Städte und Paläste zerstört.

In der Forschung herrscht Uneinigkeit darüber, ob das Ende dieser Epoche durch den Ausbruch des Vulkans von Thera besiegelt wurde oder ob auch andere - möglicherweise kriegerisch-politische Aspekte - eine Rolle gespielt haben. Tatsache ist, dass auch die "Nachpalastzeit" nur noch wenige Jahrhunderte bestand und um 1100 v. Chr. durch die (vom griechischen Festland nach Kreta gelangten) Mykener beendet wurde, die den Palast von Knossos als Herrschersitz einnahmen.

Die Neupalastzeit: Wiege der Minoischen Kunst

Nachdem die Paläste der Älteren Zeit um 1700 prunkvoller als jemals zuvor wieder aufgebaut worden waren, wurden sie zum Sitz der bedeutendsten Künstler jener Epoche, mit denen die Freskomalerei ihren qualitativen Höhepunkt erreichte. Hier entwickelt sich die "Al-fresco-Technik", die noch viele Jahrhunderte lang überall sonst unbekannt war: Bei dieser Technik wurden die farbigen Motive direkt auf den noch feuchten, mit einer Mischung aus Putz, Kalk und Tierhaaren verputzten Untergrund gegeben, damit sich Farbe und Malgrund auf einzigartige Weise miteinander verbinden konnten.

Die Farben wurden hergestellt, indem die Künstler Farbpigmente und Mineralien feuchtem Gips beimischten. Sobald der erste Nass-in-Nass-Auftrag an der Wand getrocknet war, wurden weitere Schichten aufgetragen und die Details mithilfe von feinen Bürsten ausgearbeitet. Am Ende dieses Prozesses stand eine Lasur aus Ei-Tempera (eine Mischung aus Eigelb, Leinöl und Wasser) und ein abschließendes Polieren. Berühmte Beispiele für diese Art des Wandfreskos sind das Delfin-Fresko und die Stierspringer-Szenen aus den Ruinen des Palastes von Knossos. Die dargestellten Szenen sind in der Regel zweidimensional und ohne jede Tiefenwirkung.

Die Paläste der Neupalastzeit weisen unterschiedlichste Arten von Fresken auf, welche jeweils auf die Beschaffenheit der Räumlichkeiten abgestimmt sind, in denen sie angebracht sind. So wurden Wandgemälde wie beispielsweise Landschaften eher zentral angeordnet und hielten zum Boden, zu den Fenstern und Türen einen immer gleichen Abstand ein. Die freigelassenen unteren Bereiche über dem Boden wurden ebenfalls verziert – entweder durch Marmorfliesen oder durch kleinere Wandgemälde in Marmor-Optik. Während die oberen Bereiche unterhalb der Decke mit schmalen Fresken versehen wurden, zierten die Decken spiralförmige Muster, Rosetten und Girlanden-Bordüren. Neben den Räumlichkeiten wurden auch Altäre und Balustraden mit Fresken verziert.

Die Fresken der minoischen Künstler sind erstaunlicherweise gänzlich frei von Huldigungen an jeweilige Herrscher oder andere politische Aussagen: Die Szenen zeigen häufig kultische Rituale, religiöse Symbole und Stätten, sowie Wettkämpfe wie etwa das Stierspringen. Neben den religiösen Themen finden sich auch viele Landschaftsdarstellungen, da die minoische Kultur sehr naturverbunden war. So zeigen die Fresken Flora und Fauna der griechischen Insel mit einem Schwerpunkt auf der Darstellung der Meereslebewesen, welcher in der kunstgeschichtlichen Forschung als sog. "Meeresstil" bekannt geworden ist. Doch auch der Alltag der minoischen Kultur, wie beispielsweise Hinweise auf Kleidung und Körper- bzw. Schönheitsideale, finden sich auf den Fresken der Neupalastzeit.