GALERIE ZIMMERMANN

Fauvismus vs. Expressionismus: Zwei Namen, ein Konzept?

Rote Pferde, gelbe Bäume, blaue Menschen – was in Deutschland als "expressionistisch" bezeichnet wird, gilt in Frankreich als Fauvismus. Tatsächlich kommt es nicht von ungefähr, dass die 'Fauves' (die 'Wilden') um Henri Matisse und André Derain häufig als die "französischen Expressionisten" betitelt werden, denn die gestalterischen Mittel und die weltanschaulichen Hintergründe sind ungefähr deckungsgleich – mit dem Unterschied, dass es sich beim Expressionismus um eine gesellschaftskritische, international ausgerichtete Strömung handelt.

Einer der Gründe, weshalb die Unterscheidung zwischen Fauvismus und Expressionismus heute so schwer so treffen ist, ist die Tatsache, dass beide Stilrichtungen sich um 1905 in Abkehr von der impressionistischen Malerei entwickeln. Während der Fauvismus jedoch fast ausschließlich auf Frankreich beschränkt bleibt, wird von der expressionistischen Strömung insbesondere auch Deutschland erfasst, wo sich in den Künstlergruppierungen "Die Brücke" (Berlin) und der "Blaue Reiter" (München) eine eigene Ausprägung dieser Kunst ausbildet.

Nichtsdestotrotz liegen die Wurzeln beider Stilrichtungen in den postimpressionistischen Strömungen Frankreichs, die entweder (wie etwa Seurat oder Pissarro) die impressionistischen Techniken weiterentwickeln, wodurch u.a. der sog. 'Pointillismus' entsteht oder sich aber bewusst von den Gestaltungsmitteln eines Claude Monet oder Edgar Degas abwenden. Zu diesen Künstlern zählen Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Henri de Toulouse-Lautrec, die in der Folge zu jeweils unterschiedlichen Stilen finden und u.a. Wegbereiter des Cloisonismus und Synthetismus werden.

Die Expressionisten: Progressiv & kämpferisch

Nachtcafé, Van Gogh

Das entscheidende historische Ereignis, das die Entstehung der expressiven Kunst aus der Kunst der Impression (= Impressionismus) in Gang setzt, ist der Erste Weltkrieg. Während die Impressionisten fortschrittsoptimistisch die Errungenschaften der Industriellen Revolution feierten und auf unzähligen Leinwänden die florierende Metropole Paris verherrlichten, ist diese jüngere Generation von einem tiefen Zweifel bzgl. des rasanten technischen Fortschritts geprägt. Die Expressionisten empfinden stark die 'Beschleunigung' der Welt und die Problematik des Individuums. Zudem lassen die umfassenden technischen Neuerungen Zweifel an der Wahrnehmungsfähigkeit des menschliches Auges aufkommen: Jene „neue Welt“ scheint den Malern ab 1900 nicht mehr auf Leinwand zu bannen zu sein.

Die Folge ist eine drastische Abkehr von den impressionistischen Gestaltungsmethoden zugunsten des Ausdrucks im Inneren: Das jeweilige Motiv wird nicht länger mimetisch abgebildet, sondern an Stelle seiner Gegenständlichkeit treten die Empfindungen des Künstlers. Im Gegensatz zu den Impressionisten strebt diese neue Generation nicht danach, den flüchtigen Augenblick festzuhalten, sondern ihre eigenen Sinneseindrücke und emotionalen Erlebnisse unmittelbar auf das Bild zu übertragen. Auf diese Weise wird das expressionistische Kunstwerk zum Medium einer Botschaft, die auch programmatisch festgeschrieben wird: Man wendet sich dezidiert gegen das Bürgertum und die sog. „akademische Kunst“ und orientiert sich stattdessen an der naiven Volkskunst zu, die weniger „verbildet“ erscheint. Mit der Abkehr von den traditionellen Gestaltungsmethoden geht auch die Reduktion der künstlerischen Mittel einher: Die Perspektiven verschwimmen, „Tiefe“ wird rein durch Farbe und Form aufgebaut.

Die Expressionisten streben keine mimetische Wiedergabe an, sondern verfremden bis zur vollständigen Deformation des Gegenstandes. Neben der „Brücke“, zu der u.a. Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und später auch Emil Nolde zählen, und dem „Blauen Reiter“ um Wassily Kandinsky und Franz Marc, formiert sich mit den "Peintre Maudits", zu denen u.a Amadeo Modigliani, Joan Miró und (zeitweise) Pablo Picasso zählen, auch in Frankreich eine explizit expressionistische Gruppierung.

Sehr bekannte expressionistische Arbeiten sind beispielsweise die „Großen blauen Pferde“ (1911) von Franz Marc und die „Dame in grüner Jacke“ (1913) von August Macke. Zu den frühesten als Expressionismus bezeichneten Werken zählen Van Goghs „Sternennacht“ von 1889 und das „Nachtcafé“ aus dem Jahre 1888 (siehe Bild).

Die Fauvisten: Plakativ & träumerisch

Natürlich sind die Übergänge zwischen Expressionismus und Fauvismus fließend, da viele Künstler (wie beispielsweise Amadeo Modigliani und Kees van Dongen) bereits damals mal zur einen, mal zur anderen Seite gezählt werden. Aus diesem Grund lassen sich die beiden Kunstrichtungen weniger durch ihre Mitglieder, als vielmehr durch ihr Programm bzw. ihr nicht vorhandenes Programm unterscheiden. Während die Expressionisten deutlich progressiv sind und auch eine „geistige Erneuerung“ der Kunst anstreben, hat die heterogene Gruppierung um Henri Matisse, die von dem Kunstkritiker Louis Vauxcelles 1905 mit dem Ausdruck „Fauves“ belegt wird, im Grunde kein Programm, da ein Zusammenschluss niemals vorgesehen war. Erst Jahre später äußert Matisse sich zu den theoretischen Grundlagen des Fauvismus – und diese sind deutlich „ätherischer“ als jene des (deutschen) Expressionismus:

„Wenn die Mittel so verbraucht sind [wie in der Malerei des 19. Jahrhunderts], dass ihre Aussagekraft erschöpft ist, dann muss man zu den Grundlagen zurückkehren.“ (Henri Matisse)

Das konstitutive Merkmal der fauvistischen Arbeiten ist demnach vor allem eines: Farbe – und zwar reine Farbe. Zwar bricht auch der Expressionismus mit der naturgetreuen Wiedergabe des Motivs, doch tut er es auf eine drastische, häufig gar naive Weise. In den Kunstwerken der Fauves hingegen wird die Farbe um ihrer Selbstwillen eingesetzt und mit einer aufwändigen geplanten Komposition verbunden, die man den Bildern selbst in der Regel nicht ansieht. Matisse spricht in diesem Zusammenhang von der „Reinheit der Mittel“, wie sie beispielsweise in seinem Akt „Blue Nude“ zu sehen ist. Anders als den Expressionisten geht es Matisse, Derain & Co. nicht um den Ausdruck des emotionalen Erlebens des Künstlers, sondern um den Ausdruck der Komposition: Die Fauves sehen das oberste Ziel darin, Farben, Konturen & Leinwand in Einklang zu bringen und ihnen eine „Stimme“ zu geben. Trotz dieser Unterschiede wird der Fauvismus häufig als eine „Teilströmung“ des internationalen Expressionismus bezeichnet.