GALERIE ZIMMERMANN

Expressionismus vs. Impressionismus

Fortschritt oder Armageddon? Gegen Ende des 18. Jahrhunderts spaltet die Industrielle Revolution die europäische Welt in zwei Lager: Während die einen der Technisierung und dem aufkeimenden Kapitalismus huldigen, fürchten die anderen, von dieser „neuen Welt“ restlos verschlungen zu werden. Ihren künstlerischen Niederschlag finden jene Hoffnungen und Ängste in einer radikalen Absage an die Verbindlichkeiten der Klassik. An ihre Stelle tritt die Interpretation der Wirklichkeit durch den Künstler – es ist die Geburtsstunde des individuellen Ausdrucks. Impressionismus und Expressionismus leben beide von diesem neuen „Selbstgefühl“ – doch sie tun es auf extrem unterschiedliche Art und Weise.

Der Mittelpunkt des künstlerischen Interesses um 1900: Die Großstadt

„Hier erreicht der menschliche Geist seine Vollendung und hier seine Erniedrigung; hier vollbringt die Zivilisation ihre Wunder, und hier wird der zivilisierte Mensch fast wieder zum Wilden […].“

Als der französische Historiker Alexis de Tocqueville im Zuge einer Reise durch England für kurze Zeit in London verweilt, sieht er in der damals aufstrebenden Metropole bereits 1835 das, was sich wenige Jahrzehnte später in allen europäischen Großstädten ereignen sollte. Die Konfrontation des Individuums mit einer hochtechnisierten Lebenswelt, die viel zu schnell, viel zu laut und viel zu unübersichtlich ist. Damit wird die moderne Großstadt zum Sinnbild dieser „neuen Zeit“, in der sich das aufstrebende Bürgertum immer mehr vom sogenannten „Proletariat“ abkehrt.

In der Literatur dieser Zeit bildet sich das Genre des „Großstadtromans“ heraus, welcher mittels einer spezifischen sprachlichen Montage-Technik jene „Mehrperspektivität“ von sinnlichen Eindrücken und gesellschaftlichen Diskursen abzubilden sucht. Zu den bekanntesten dieser Romane zählen heute Joyce „Ulysses“ von 1922 und Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahre 1929. In der bildenden Kunst findet man zu anderen Ausdrucksformen, um dem rasanten gesellschaftlichen Wandel gerecht zu werden.

Die malenden Wegbereiter der Moderne

Das neue „Selbstgefühl“ der künstlerischen Moderne zeigt sich zunächst darin, dass die mimetische Wiedergabe der Wirklichkeit zugunsten der individuellen Aussage in den Hintergrund tritt: Der Künstler gibt nicht wieder, was er sieht, sondern er malt seine Interpretation dessen, was er sieht. Im Zuge dessen wird Stil zum Ausdruck einer individuellen Entscheidung. Die herausragenden Persönlichkeiten gegen Ende des 19. Jahrhunderts bilden mit kräftigen Farben ein neues, feines Formgefühl ab. Während Paul Cézanne noch mit den malerischen Gestaltungsmitteln experimentiert und Perspektive mittels abgestufter Farbflächen darstellt, löst der niederländische Maler Vincent van Gogh sich gänzlich von der perspektivischen Malerei (siehe Bild).

Mit Gauguin verliert die Malerei schließlich jede mimetische Funktion: Seine Südsee-Landschaften polarisieren durch unnatürliche, beinahe entstellende Farbigkeit. Ihren Anfang nimmt diese Entwicklung, die in der Folge immer extremer wird, ca. 1872, als der damals 32-jährige Claude Monet sein berühmtes Gemälde „Impression: soleil levant“ (Impression, Sonnenaufgang) schafft und damit gegen jede formale Regel der Malerei verstößt. Zeitgleich gibt er einer ganzen Generation von Künstlern ihren Namen.

Die Impressionisten oder die 'Schöne neue Welt' des Bürgertums

Die Bezeichnung „Impressionisten“ ist zunächst ein von Monets „Sonnenaufgang“ abgeleiteter Spottname, den seine Nacheiferer jedoch schnell übernehmen und fortan mit Stolz tragen. Die neue Kunstform, die sich ab 1870 zunächst in Frankreich zentriert und vom restlichen Europa lange Zeit unerreicht bleibt, spielt mit der „Faszination des Augenblicks“. Da die Malerei nicht mehr der Beschränkung unterliegt, die Wirklichkeit abbilden zu müssen, geben die Künstler sich ganz ihren subjektiven Sinneseindrücken hin und versuchen, Gegenstände optisch in Licht aufzulösen und das, was sie sehen, in Farbe und Form zu übertragen. Es geht ihnen dabei nicht mehr um den gegenständlichen Wiedererkennungswert, sondern darum, dass der Betrachter die Stimmung während des Augenblicks der Gestaltung nachvollziehen kann.

Das Ergebnis ist eine meist farbenfrohe Momentaufnahme, die mittels winzig kleiner Farbtupfer auf die Leinwand übertragen wird. Aufgrund dieser spezifischen Maltechnik entfaltet das so entstehende Gemälde seine Wirkung erst bei der Betrachtung aus einiger Entfernung. Beispielhaft für die impressionistische Technik stehen neben Monet auch Edgar Degas (siehe Bild: Zwei Tänzerinnen auf der Bühne), Edouard Manet und Pierre-Auguste Renoir.

Da man gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch nichts von jenen Schrecken weiß, die um 1900 über Europa hereinbrechen, spiegelt der Impressionismus die ungetrübte Freude an den Errungenschaften der Industriellen Revolution. Ein häufiges Thema ist hier die blühende Metropole Paris – es wird versucht, jene 'Schöne neue Welt' so stimmungsvoll wie möglich darzustellen. Zu diesem Vorhaben gehört jedoch auch die Abkehr von allem, was keinen ästhetischen Wert im traditionellen Sinn hat: Die Impressionisten kommen in der Regel aus dem sich etablierenden Bürgertum und malen bürgerliche Motive für ein bürgerliches Publikum.

Die Expressionisten oder der Subjektivismus des Proletariats

Im Gegensatz zum Impressionismus ist die Zeit der expressionistischen Malerei, die sich in Deutschland und Frankreich etwa zwischen 1905 und 1925 konzentriert, bereits vom Ersten Weltkrieg sowie dem Zusammenbrauch des Deutschen Reiches und der Donaumonarchie geprägt. Jene katastrophalen Ereignisse sowie die Erfahrung des rasanten technischen Fortschritts in allen Bereichen lassen in den Künstlern Zweifel an der allumfassenden Wahrnehmungsfähigkeit des menschliches Auges aufkommen: Jene „neue Welt“, die die Impressionisten in einem regelrechten Farbrausch feierten, scheint den Malern ab 1900 nicht mehr auf Leinwand zu bannen zu sein. An die Stelle des idealistisch geprägten Menschenbilds des Kaiserreichs tritt so zunehmend die Darstellung des von Einsamkeit, Anonymität und Isolation bedrohten Individuums.

Auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln setzt eine massive Abkehr von den impressionistischen Gestaltungsmethoden zugunsten des Ausdrucks im Inneren ein: Das jeweilige Motiv wird dahingehend verändert, dass es nicht mehr sich selbst darstellt, sondern die Gefühle und Empfindungen desjenigen, der es malt. Während die Künstler um Monet und Degas lediglich die formalen Regeln der Malerei auflösten, beginnen Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner (siehe Bild: „Gelber Rückenakt“, 1909), Franz Marc und Wassily Kandinsky, über das Wesen und die Möglichkeiten der Kunst selbst zu reflektieren. Das übergeordnete Ziel ist demnach die Emanzipation des Kunstwerks von seiner illusionistischen Abbildfunktion.

Einhergehend mit einer Abwendung vom Bürgertum ist auch die Abwendung von der sogenannten „akademischen Kunst“: Man orientiert sich an primitiven Volkskünsten und baut – unter radikaler Reduktion der künstlerischen Mittel – Bilder rein aus Farbe und Form auf: In der Deformation des Gegenstandes (das ist das Motiv) liegt die 'wirkliche Welt', die nicht gesehen, sondern nur gefühlt werden kann. Die Deutung indes bleibt dem Betrachter überlassen. In Deutschland zentrieren sich die expressionistischen Künstler vor allem in zwei Gruppierungen: Der „Brücke“ mit Sitz in Berlin und dem „Blauen Reiter“ in München. In Frankreich formiert sich mit den „Peintres Maudits“ eine ähnlich gesinnte Gemeinschaft.