GALERIE ZIMMERMANN

Luftmalerei (Aeropittura) – Erlebnismalerei aus Sicht der Piloten

Geschwindigkeitsrausch in taumelnder Höhe: Die “Luftmalerei” macht dem Betrachter dauerhaft zugänglich, was normalerweise nur den Bruchteil einer Sekunde währt – der Blick des Piloten auf die Welt unter ihm. Die italienische Kunstrichtung ist Teil jener Avantgardebewegung, die ab 1900 laut den Tod der Vergangenheit verkündet und sowohl in der Literatur als auch in der Bildenden Kunst ein glorreiches neues Zeitalter heraufbeschwört: der Futurismus.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der große europäische Kessel am Brodeln: Die (zu diesem Zeitpunkt noch unreflektierte) Technikeuphorie mischt sich mit der allgemeinen Kriegsbegeisterung und kulminiert in Lobgesängen auf die Zukunft, die vor allem der jungen Generation vielversprechend erscheint. In der Kunst dieser Zeit findet ein radikaler Bruch mit den traditionellen ästhetischen Normen statt und die rasante technische Entwicklung wird zum neuen Objekt der Verherrlichung. Die Vereinsamung des Individuums und die Ohnmacht des Künstlers, die für die Expressionisten noch formgebend waren, weichen zunehmend einem Allmachtsgefühl und einem Fortschrittsoptimismus, der von den meisten geteilt wird.

Im Jahre 1909 schreibt der italienische Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti, der als Begründer des Futurismus gilt, in seinem “Manifest” in nahezu von den Errungenschaften und der Schönheit jener 'Neuen Welt':

„Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.“ (Marinetti, Futuristisches Manifest)

Rund neunzehn Jahre später wird Mino Somenzi ebenfalls futuristischer Künstler, jene “allgegenwärtige Geschwindigkeit” in seinem “Aeropittura e aeroscultura“ präzisieren: In diesem ersten Manifest über Flugmalerei erläutert Somenzi das nahezu gewaltsame Erlebnis des Fluges, welches den Menschen von einer ganz neuen Warte aus fühlen lasse. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer Art Zeitraffer, da der Geschwindigkeitsrausch den Piloten in Sekundenschnelle das erleben lasse, wozu man auf der Erde Stunden bräuchte. Initiationsgedanke der Aeropittura ist neben der reinen technischen Möglichkeit eines solchen Erlebens also vor allem die sinnliche Wahrnehmung des Piloten, welche sich im Kunstwerk widerspiegeln soll.

Erste Phase der Luftmalerei: Geschwindigkeitsrausch und Selbsterfahrung

Die neue futuristische Ästhetik bringt auch die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen mit sich. Die Flugmalerei oder auch “Arte Sacra Futurista”, wie sie die Zeitgenossen nennen, ist in ihrem Farbspiel zwar stark vom Expressionismus beeinflusst, findet jedoch ganz neue Möglichkeiten, Perspektive darzustellen. Hierbei liegt der Fokus zum einen auf der Erlebniswelt des Piloten, der die Landschaften und schemenhaften Städte in atemberaubender Geschwindigkeit an sich vorbeiziehen sieht, zum anderen auf den Bewegungen und der Dynamik der Luftfahrzeuge selbst. Die Bandbreite der so entstehenden Werke ist groß: Von Arbeiten mit relativ wirklichkeitsnaher Perspektive bis hin zu abstrakten Darstellungen aus Form- und Farbwirbeln findet sich nahezu alles.

Zweite Phase der Luftmalerei: Kriegsverherrlichung und Propaganda

Da die Aeropittura sich hervorragend eignet, um das technische Wunder “Flugzeug” und die fliegerischen Leistungen der Piloten darzustellen, wird die neue Kunstrichtung innerhalb des faschistischen Regimes unter Mussolini (1919 bis 1945) von Anfang an stark gefördert. Marinetti forciert diese Entwicklung bereits seit der ersten Wanderausstellung, die 1931 in Rom startet und 1934 Paris erreicht. Hier werden vor allem die Südatlantikflüge des Jahres 1928 sowie die Brasilien- und Chicago-Geschwaderflüge der Jahre 1930 bis 31 dargestellt. Noch 1934 folgt eine weitere Ausstellung in Nizza und im Jahre 1937 die Weltausstellung in Paris.

Die propagandistische Vereinnahmung der Flugmalerei geht mehr und mehr zu Lasten der künstlerischen Qualität, da die entsprechenden Arbeiten schon bald nicht mehr aus einem inneren Antrieb und der reinen Technikeuphorie heraus gemalt werden, sondern mehr oder weniger als Auftragskunst entstehen. So befreit das Regime jene Künstler, die sich ausschließlich in den Dienst an Vaterland und Faschismus stellen, beispielsweise vom Wehrdienst. Auf diese Weise wird die Aeropittura nach und nach zum Sprachrohr eines faschistischen Kriegspathos stilisiert, das mit der anfänglichen Intention nur noch wenig zu tun hat. Im Jahre 1935 folgt dem ersten Manifest von Mino Somenzi die "Futuristische Ästhetik des Krieges" und im Jahre 1940 die "Flugmalerei des Bombardemments". Auch Marinetti selbst erweitert die bestehenden Schriften während der Kriegsjahre um zwei weitere Manifeste, die sich mit der Darstellung des Bombenkrieges zur See und über Land befassen. Italien ist in dieser Zeit wesentlich am deutschen Feldzug gegen die Sowjetunion und am Spanischen Bürgerkrieg unter Franco beteiligt.

Dritte Phase der Luftmalerei: Das Verschwinden der Kunstrichtung

Die Vereinnahmung durch die Kriegspropaganda führt letztlich dazu, dass die Flugmalerei als eigenständige Kunstrichtung verschwindet, noch bevor sie sich überhaupt richtig entwickelt hatte. Als die Propaganda mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs obsolet wird, verliert sich folglich auch das Interesse an der Aeropittura.


Fotograf: BriYYZ

Titel: The Logger, Fortunato Depero (Hungarian National Gallery)

Quelle: https://www.flickr.com

Zu den wichtigsten Vertretern dieser sehr kurzen künstlerischen Ausformung zählen:

Mino Somenzi

Fortunato Depero (Siehe Bild: „The Logger“)

Giacomo Balla und

Alessandro Buschetti