GALERIE ZIMMERMANN

'Gothic Revival': Stil und Merkmale der Neugotik

Was haben die Wiener Votivkirche, das Budapester Parlament und das Neue Rathaus in München gemeinsam? Richtig: Sie alle sehen mit ihren Rippengewölben und Spitzbögen viel "älter" aus als sie sind. Allesamt zwischen 1830 und 1900 entstanden, sind sie Beispiele für den Historismus des 19. Jahrhunderts, der sich an den Architektur- und Kunststilen früherer Jahrhunderte orientiert. Im Falle von Kirche, Parlament und Rathaus handelt es sich bei dem kopierten Stil um die "Gotik", welche im 18. und 19. Jahrhundert zunächst in England und später auch in Kontinentaleuropa wieder aufgegriffen wird. Ausgehend von dieser Epoche, trägt ihre Nachahmung den Namen "Neugotik" (dt.) bzw. "Gothic Revival" (engl.).

Vom Stephansdom bis Notre Dame – die Gotik

Bei der Gotik handelt es sich um eine europäische Kunst- und Architekturepoche, die um 1140 in Frankreich, in der Region um Paris entsteht, und die noch eng mit der Romanik verknüpft ist. Die einzelnen Phasen von Früh-, Hoch- und Spätgotik prägen sich in den unterschiedlichen Ländern zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten aus; spätestens ab 1550 gilt die Gotik jedoch als beendet und wird (zunächst in Italien und Frankreich) durch die Renaissance "abgelöst". Bekannt ist diese Epoche heute vor allem für ihre herausragenden architektonischen Schöpfungen, unter denen das "Meisterstück" die gotische Kathedrale ist. In der übrigen bildenden Kunst hingegen ist der gotische Stil nicht eindeutig abgrenzbar.

Stephansdom in Wien

Dennis Jarvis - Austria-00040 - Last View of St. Stephen's Cathedral – flickr.com

Die Fokussierung der Gotik auf den sakralen Bau erklärt sich daraus, dass es sich um eine Epoche strenger christlicher Werte handelt, in der es Aufgabe von Kunst und Architektur ist, die christliche Ideenwelt materiell zu manifestieren. Die Kathedrale gilt als Meisterwerk der Gotik, da sie alle künstlerischen Schöpfungen des Mittelalters in den Bereichen Architektur, Malerei, filigraner Glaskunst und Plastik in sich vereint. Die gotische Kathedrale markiert den Übergang zu einer neuen Art des Kirchenraums, da sie die romanischen Rundbögen und Tonnengewölbe durch eine filigranere Bauweise ablöst, bei der durch Kreuzgewölbe und Spitzbögen höheres Bauen möglich wird. Während die Wände der romanischen Kirchen bis zum Ansatz des Daches in der Regel geschlossen waren, werden sie in der Gotik durch Fensterreihen durchbrochen, wodurch der Kirchenraum erstmals "lichtdurchflutet" wird.

Insgesamt ist die gotische Bauweise deutlich "schmuckvoller" als ihre Vorgänger: Durch die Verwendung von Strebe- und Bündelpfeilern, die das Gewicht des Gewölbes tragen, werden die Wände statisch quasi überflüssig. Die großzügige Raumaufteilung wird optisch durch Rippen, Fensterrosen und Giebel unterstützt, während der Chor in der Regel um einen Kapellenkranz erweitert wird. Bekannte gotische Sakaralbauten sind neben dem Stephansdom in Wien (siehe Foto) und der Kathedrale Notre-Dame in Paris außerdem die Sainte-Chapelle (ebenfalls in Paris), die Liebfrauenkirche in Trier, der Straßburger Münster und der Kölner Dom. Das umfassende Bauprogramm, das sich um 1830 dank des Gothic Revivals entwickelt, knüpft an ein idealisiertes Mittelalterbild an und strebt danach, die Geisteskultur jener Zeit für die eigene Epoche nutzbar zu machen.

Neugotik oder 'Gothic Revival': Sehnsucht nach dem Mittelalter

Die Wiederaufnahme der Gotik beginnt etwa um 1750 mit dem Bau von Landhäusern wie beispielsweise "Strawberry Hill" im englischen Twickenham. Von England weitet sich die Neugotik rasch auf Kontinentaleuropa aus, wo mit dem Nauener Tor (Potsdam) auf Anweisung Friedrich des Großen auch das erste neugotische Bauwerk in Deutschland entsteht. Während das Gothic Revival schon in England von einem historistischen Ideal getragen ist, welches die Architektur vergangener Zeiten zum neuen Fixpunkt macht, verbindet sich die Neugotik in Deutschland mit einem spezifischen Nationalitätsbewusstsein, das insbesondere das deutsche Kaiserreich zum Sehnsuchtsbild macht. In den 1830er Jahren entsteht in England das – bis heute – repräsentativste Gebäude in neugotischem Stil: das Londoner Parlament, geplant von Sir Charles Barry.

Für das Gothic Revival bleibt es allerdings nicht bei der Nachahmung von Spitzbögen und Strebefeilern: Man versucht, die Formensprache eines idealisierten (!) Mittelalterbildes auf die zeitgenössische Architektur zu übertragen, wobei häufig der Symbolcharakter der gotischen Formenlehre außer Acht gelassen wird. Aus diesem Grund finden sich viele Formenelemente (wie beispielsweise die Spitzbögen) an Rathäusern, Schulen oder Bahnhöfen des 19. Jahrhunderts, obgleich diese ursprünglich den Sakralbauten vorbehalten waren. Ähnliches gilt für die Handwerkskunst und die Glasmalerei dieser Zeit, die sich zwar am gotischen Vorbild orientieren, die Darstellung jedoch "modernisieren". Aus diesem Grund wirken viele neugotische Bauten deutlich "verspielter" (bisweilen verschwimmt auch die Grenze zum Kitsch) als ihre (echt-)gotischen Vorbilder.

Bekannte neugotische Bauten sind neben der Wiener Votivkirche, dem Münchner Rathaus und dem Budapester Parlament außerdem das Wiener Rathaus, die Herz-Jesu-Kirche in Graz, St. Paul in München und das Rijksmuseum ('Reichsmuseum') Amsterdam.