GALERIE ZIMMERMANN

Comic: Ist das eigentlich Kunst?

Sie ist so alt wie das Genre selbst: Die Frage, ob der Comic eine Kunstform ist oder nicht. Als Chimäre zwischen Zeichenkunst und Storytelling vereint er sowohl Aspekte der Literatur als auch der Bildenden Kunst und bietet damit einzigartige Ausdrucksformen. Bis heute hat das beliebteste Medium der Populärkultur, das aus den Feuilletons dieser Welt kaum mehr wegzudenken ist, jedoch mit Klischees und Vorurteilen zu kämpfen: Während andere Künste institutionell gefördert werden, entwickelt sich das Genre "Comic" noch immer weitestgehend abseits des kulturellen Mainstreams und bleibt mehr oder minder sich selbst überlassen.

Die Japaner nennen ihn "Manga", was so viel bedeutet wie 'spontanes Bild', die Italiener haben ihn "Fumetti" ('Rauchwölkchen') nach dem Mittel der Sprechblase getauft und in Frankreich nennt man den Comic "Bande dessineé". Der englische Begriff indes leitet sich aus dem "Comic Print", einer Witzzeichnung des 18. Jahrhunderts ab. Von dieser Form ist dem Comic heute nur noch ein Merkmal geblieben, das ihn zugleich definiert: sein sequenzieller Charakter. Der Definition des US-amerikanischen Comic-Künstlers Scott McCloud zufolge erzählen Comics eine Geschichte in aufeinanderfolgenden (und aufeinander aufbauenden) Bildern – es handelt sich um sogenannte "sequenzielle Kunst".

Bekannt ist diese Technik bereits seit der Antike, wo sie u.a. als Grabinschrift Tätigkeiten des alltäglichen Lebens darstellte. Als eigenständige Kommunikationsform ohne Vorgabe von Inhalten, Zielgruppen oder Umsetzungsmodalitäten gelten Comics jedoch erst seit den 1990er Jahren. Die Abgrenzung zu anderen Formen wie etwa Cartoons, Illustrationen oder Karikaturen ist recht kompliziert, da in diesem Bereich besonders häufig auch mit Mischformen gearbeitet wird.

Literatur oder Zeichnung: Was genau ist der Comic?

Für die Literatur nicht komplex genug, für die Bildende Kunst nicht "genial" genug: Zu dem durchaus ambivalenten Ruf des Comics gesellt sich die Problematik seiner Identität als Mischmedium zwischen Literatur und Bildender Kunst. Obgleich der französische Literaturkritiker Francis Lacassin die "Sequenzielle Kunst" bereits in den 1960er Jahren zur eigenständigen Kunstform erklärt, hält sich gerade in Deutschland hartnäckig der Ruf des Comics als "Massenerzeugnis", für das es keiner besonderen künstlerischen Begabung bedürfe. Ganz anders in Amerika: Während das kreative Potential des Comics dort bereits recht früh durch Künstler wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein erkannt wird, tut sich hierzulande sowohl die schreibende als auch die künstlerisch bildende Zunft sehr schwer damit, den Comic als zu ihnen gehörige Kunstform anzuerkennen.

Dies mag auch mit dem gleichsam unbegrenzten Potential des Mediums selbst zu tun haben: Als Mischwesen zwischen Schreiben und Zeichnen wächst der Comic stets über sich hinaus und findet laufend neue Ausdrucksformen, die stilistisch sowohl die Grenzen der Literatur als auch die Grenzen der Bildenden Kunst sprengen. Trotz dieses Entwicklungspotentials fehlt es dem Genre bis heute an institutioneller Förderung und gesellschaftlicher Anerkennung: Obgleich erfolgreiche Comics in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf internationalen Festivals mit Preisen ausgezeichnet werden, gibt es kaum Fördermöglichkeiten oder Stipendienprogramme für angehende Comic-Zeichnerinnen und Comic-Zeichner.

Ist der Ruf erst ruiniert? Der Comic im Wandel der Zeiten

Kinderkram, Schmuddelheftchen, Instant-Zeichnungen: Seit die ersten "reinen" Comic-Hefte in den 1930er Jahren auf den Markt kamen, ist die Liste der Vorurteile, mit denen das Genre zu kämpfen hat, stetig gewachsen. Diese lassen sich vor allem in drei Bereiche unterteilen: Dem Comic wird vorgeworfen, er biete keinen Bildungsmehrwert, "verrohe" die Jugend und sei darüber hinaus unmoralisch. Seinen Ruf als triviale Kinder-Unterhaltung hat der Comic berühmten Helden der 1930er Jahre wie Superman, Tarzan und Tim & Struppi zu verdanken; den "Geschichten aus der Gruft" aus den 1950er Jahren wirft man vor, die Jugend zu Gewalttätigkeit zu animieren. Der Ruf des Comics als "unmoralische Schundlektüre" etabliert sich bereits während der 1920er Jahre mit einzelnen erotischen Comic-Strips und verfestigt sich während der 60er und 70er Jahre, als berühmte Figuren wie "Barbarella" und "Fritz the Cat" über die Ladentheke gehen.

Daveiam, The Graphic Novel Promtional Piece (Quelle: flickr.com)

Dabei bietet der Comic von Anfang an so viel mehr als triviale und erotische Unterhaltung: Die ersten Comic-Strips erscheinen in amerikanischen Zeitungen und behandeln des aktuelle Tagesgeschehen – und neben Tarzan und Superman werden mit "Micky Mouse" und "Donald Duck" schon während der 30er und 40er Jahre Comics verkauft, die mehrheitlich von Erwachsenen gelesen werden. Die Variantenvielfalt des modernen Comics reicht vom einfachen Comicstrip bis hin zur künstlerisch aufwändigen, inhaltlich anspruchsvollen "Graphic Novel" – dem Comic im Buchformat, das speziell auf ein erwachsenes Publikum zugeschnitten ist und auf einzigartige experimentelle Art und Weise gesellschaftlich relevante Themen behandelt (Siehe Bild: The Graphic Novel Promtional Piece). Im Jahre 2012 ist mit dem "Graphic Canon" sogar eine Quasi-Weltliteraturgeschichte in Comicform erschienen.

Comic heute: Von den Buddenbrooks zur Künstlerbiografie

Der moderne Comic kann alles sein: Einfache Figuren, schnell auf´s Papier geworfen - oder kunstvoll designte Graphic Novels, die Jahre bis zur Fertigstellung benötigen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass es sich um eines der sozialkritischsten Medien überhaupt handelt, das sich inhaltlich schon lange aus dem Bereich der trivialen Unterhaltung herausgelöst hat. Natürlich gibt es nach wie vor Comics für Kinder und natürlich deckt die Sequenzielle Kunst noch immer sämtliche Genres von Fantasy über Abenteuergeschichten bis hin zu Sciencefiction ab – doch der Comic hat auch mit der Eroberung des Höhenkamms begonnen. So versucht sich die Comic-Zeichnerin Isabel Kreitz seit 2006 an einer Comic-Variante von Thomas Manns "Buddenbrooks" und der österreichische Künstler Nicolas Mahler adaptiert bereits seit Jahren Texte von Thomas Bernhard, Lewis Carroll und Robert Musil in Comic-Form.

Eine recht neue Entwicklung ist die Künstlerbiografie in Form einer Graphic Novel (so in etwa Steffen Kvernelands Biografie über den norwegischen Maler Edvard Munch). Der Frage indes, ob das Comic-Zeichnen eine Kunstform ist, hat auch Nicolas Mahler nachgespürt – und zwar in einem Comic: Sein "Essay in Bildern" aus dem Jahre 2013 verhandelt eben jenen Drahtseilakt zwischen Kunst, Literatur und den entsprechenden Vorurteilen.

Fazit

Fakt ist also, dass die Diskussion um den "Comic als Kunstform" noch lange nicht beendet ist – und, dass das Genre die Diskussion mit gelassener Selbstironie verfolgt und zum Anlass nimmt, neue Kunstwerke oder eben neue Nicht-Kunstwerke zu erschaffen.